398 Elftes Kapitel 15. November
in einer winzigen Minorität sind (die aber dreist und rührig ist,
während die verständigen Leute, die Freunde der Ordnung sich nicht
hervorwagen und die Dinge gehen lassen), und daß es stets genügt
hat, sie in ihr Nichts zusammenschwinden zu lassen, wenn die sich
zeigten, die regelmäßige Zustände wollen.“
Der Artikel schließt: „Und wenn die Nation diese verhängnis—
volle Notwendigkeit nicht begriffe, wenn sie sich in Entmutigung
und feiger Teilnahmlosigkeit selbst aufgäbe, dann müßte man das
Haupt beugen, eingestehen, daß wir nicht nur besiegt, sondern vernichtet
wären, und unfre Erlösung nur noch von einem unmöglichen
Wunder erhoffen."
Dienstag, den 15. November. Der Chef ist noch immer
unwohl. Magenkatarrh, sagen die einen, Gallenerregung, meinen
die andern. „Die Leute vom Hofe halten heute ihre Sachen gepackt,"
berichtet Theiß, und dies wird beim Frühstück bestätigt, doch mit
dem Hinzufügen, Kanski habe vermutlich die ihm Untergebnen nur
probieren und für solche Fälle, die jetzt möglich geworden wären,
einüben wollen. Zwischen hier und Orleans stünden die Dinge vorläufig
für uns nicht so, wie zu wünschen wäre. Auch der Minister
spricht, nachdem er sich mit uns zu Tische gesetzt hat, von der
Möglichkeit, daß wir zurückgehn, also Versailles für einige Zeit
räumen müßten. Ein Vorstoß von Dreux her, kombiniert mit einem
großen Ausfall aus Paris, wäre nicht undenkbar. Er habe dies schon
wiederholt den Herren vom Generalstabe gegenüber ausgesprochen,
und selbst ein Laie könne sich vorstellen, daß ein erfolgreicher Versuch
dieser Art, bei dem nicht bloß Hof und Generalstab, sondern auch
das hauptsächlichste Belagerungsgeschütz Gefahr liefe, dem Feinde in
die Hände zu fallen, die einzige Aussicht auf Rettung für Paris
böte, und daß man ihn deshalb sehr wohl ins Auge gefaßt haben
könnte. Dann giebt er nach Durchlesung einer Depesche aus Paris
1 Vgl. G. u. E. II, 111. Nach dem Gefecht bei Coulmiers am 9. November
war von der Tann vor der übermächtigen Loirearmee auf der großen
Straße Orleans-Paris bis Toury zurückgegangen und hatte sich dort mit der
Armeeabteilung des Großherzogs von Mecklenburg (17. und 22. Division,
drei Kavalleriedivisionen) vereinigt. Da indes starke französische Massen von
Westen her über Chartres und Dreux gegen Versailles vorrückten, so machte der
Großherzog, die Deckung nach Süden dem Prinzen Friedrich Karl überlassend,