Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

86  4.  Ankergrund  in  Glaube,  Liebe  und  eignem  Heim

und  der  Nachsatz  auch  nicht,  und  werden  auch  beide  niemals
wahr  werden,  wenn  es  Dir  auch  noch  so  romantisch  vorkommt,
es  ist  so  langweilig,  daß  es  kein  Mensch  auf  die  Länge  aushält,
auch  mit  dem  Trost  des  Christenthums  nicht,  denn  ich  glaube,
daß  es  in  directem  Widerspruch  mit  demselben  steht,  und  letzteres
da  verdunkelt  ist,  wo  jener  Ausspruch  wahr  werden  kann.  Das
kommt  wieder  auf  den  Streit  über  Glauben  und  Werke  hinaus.
Ein  Glaube,  der  dem  Gläubigen  von  seinen  irdischen  Brüdern
sich  abzusondern  gestattet,  so  daß  er  sich  mit  einer  vermeinten
isolirten  Beziehung  zu  dem  Herrn  allein,  in  reiner  Beschaulichkeit
genügen  läßt,  ist  ein  todter  Glaube,  was  ich,  wenn  ich  nicht
irre,  in  einem  frühern  Briefe  als  Quietismus  (von  quies,  die
Ruhe)  bezeichnete,  ein,  meines  Erachtens  irriger  Weg,  auf  den
der  Mietismus  leicht  und  häufig  führt,  besonders  bei  Frauen.
Ich  meine  damit,  mit  dem  Absondern,  durchaus  nicht  den  geistlichen
  Hochmuth,  der  sich  heiliger  dünkt  als  Andre,  sondern  ich
möchte  sagen  das  stillsitzende  Harren  auf  den  Tag  des  Herrn,
in  Glaube  und  Hoffnung,  aber  ohne  das,  was  mir  die  rechte
Liebe  scheint.  Wo  die  ist,  da  ist  auch  glaub  ich  das  Bedürfniß,
sich  in  Freundschaft  oder  durch  andre  Bande  einem  der  sichtbaren
  Wesen  enger  anzuschließen,  als  bloß  durch  die  Bande  der
allgemeinen  christlichen  Liebe.  Jesus  selbst  hatte  einen  Jünger,
welchen  er  „lieb  hatte",  d.  h.  noch  inniger  und  in  andrer  Art,
als  nach  dem  Worte  „liebet  Euch  untereinander',  denn  daß  Du
dieses  letztre  Gebot  bei  dem  caring  for  nobody  nicht  ausschließen
willst,  weiß  ich  wohl,  aber  Du  sollst  mehr  thun,  Du  sollst  Seelen
haben,  die  Dir  näher  stehn  als  andre,  auch  wenn  Du  einst  ohne
mich  leben  solltest,  was  übrigens  trotz  Deiner  trüben  Ahnungen
von  nicht  Wiedersehn,  sobald  wohl  nicht  geschehn  wird;  indessen
fatta  sia  la  tua  voluntà,  und  käme  es,  so  denk  daran  mein
Herz.  Ich  kämpfe  grundsätzlich  in  mir  gegen  jede  düstre  Ansicht
der  Zukunft,  wenn  ich  ihrer  auch  nicht  immer  Herr  werde;  ich
bemühe  mich  zu  hoffen,  unter  allen  Umständen  das  Beste,  immer
natürlich  mit  obigen  italiänischen  Worten  des  Vaterunser  als
Grundgedanken.  Das  Leiden  macht  sich  bei  seinem  Eintritt  zeitig
genug  fühlbar,  ich  will  es  nicht  durch  Furcht  noch  vorwegnehmen."“