Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1838. (15)

In  den  Kreisen  der  Gothaner  377

sie  erzeugt,  ist  vorhanden,  auch  das  Gefühl,  sie  zu  haben.  Noch
mangelt  vielerorten  der  Wille,  sie  zu  brauchen,  und  die  Erkenntnis,
sie  recht  zu  brauchen.  Aber  immer  weiter  und  weiter  dringt  beides
durch  die  Adern  und  Nerven  der  Nation.  Wenige  Jahre  von  außen
nicht  gestörter  Entwicklung  noch,  und  die  Fahne,  die  wir  über  den
beim  Feste  versammelten  Massen  wehen  sahen,  wird  auch  ihr  Heer
haben.  Rastlos  arbeitet  die  Zeit  an  großen  Dingen,  scheidend  und.
verschmelzend,  ebnend  und  bauend,  vor  allem  aber  bemüht,  den
individuellen  Hang  der  Deutschen  in  straffe  Zucht  zu  fassen.  Diese
disziplinierende  Arbeit  trägt  in  sich  selbst  die  Gewähr,  daß  sie  nicht
vor  der  rechten  Stunde  ihr  Werk  für  gethan  halten  wird,  und  so
wird  sie  glorreich  vollendet  werden.  Wer  sich  ihr  nicht  fügen  will,
wird  sich  ihr  fügen  müssen,  gleichviel,  wie  hoch  er  stehe,  und  wie
stark  er  sich  dünke.  Wir  werden  ihn  sehen,  den  Siegeslohn  jenes
Heeres,  den  Schlußstein  jener  organisierten  Thätigkeit,  die  Krone
der  Genossenschaften,  die  jetzt  auf  allen  Gebieten  die  Deutschen  zu—
sammenfassen:  den  deutschen  Staat.“

Indes  gingen  neben  solchen  Illusionen  zuweilen  auch  Ahnungen
her,  daß  das  eine  oder  das  andre  bei  den  Nationalfesten  Täuschung,
zu  günstige  Auffassung  und  falsche  Berechnung  sei.

So,  wenn  ich  bei  Gelegenheit  der  Leipziger  Augustfeier  schrieb:
„Sehr  wohl  weiß  ich,  daß  deutsche  Fahnen  zeigen  und  Deutschlands
wahres  Interesse  kennen  und  dafür  handeln  oder  gar  sich  dafür
opfern  wollen  sehr  verschiedne  Dinge  sind.“

So  fand  ich  an  einer  der  Festreden,  die  bei  dieser  Gelegenheit
gehalten  wurden,  auszusetzen:  „Sie  denkt,  wenn  sie  die  Turnerei
als  »Bildungsschule  von  Charakteren  preist,  die  das  einmal  für
recht  und  wahr  Erkannte  auch  bekennen  und  verteidigen,  die  ihre
Meinungen  und  Grundsätze  nicht  wie  ein  Kleid  je  nach  der  Witte—
rung  wechseln,  wie  manche  sogenannte  praktische  Staatsmänner«
Geust  war  gemeint),  offenbar  zu  hoch  von  den  guten  Kindern  Vater
Jahns.  Die  Turnkunst  wird  uns  erst  beweisen  müssen,  daß  sie
nicht  bloß  zu  äußerer,  sondern  auch  zu  innerer  Selbständigkeit  er—
ziehe,  daß  sie  granitne  Charaktere,  politische  Helden  bilde.  In
Sachsen  wenigstens  ist  ihr  das  bisher  nicht  gelungen,  obwohl  sie
hier  ihr  Erziehertalent  in  mehr  Vereinen  und  seit  längerer  Zeit  hätte
zeigen  können  als  irgendwo  anders,  und  obwohl  es  hier  mehr  not