Full text : Historische Untersuchungen. Heft V. (5)

das  Wormser  Edikt  geplant  und  vorbereitet  worden,  deren  Wiederaufnahme
  und  Erneuerung  in  Speier  zu  erwarten  stand.  Davon
mochte  Ferdinand  etwas  zu  Ohren  kommen'),  „Auf  dem  bevorstehenden
  Reichstage  zu  Speier“,  schrieb  er  unter  dem  20.  März
an  den  Kaiser,  „werden  voraussichtlich  Dinge  vorgebracht  werden,
welche  weder  dem  christlichen  Glauben  erspriefslich  sein  werden,
noch  den  Angelegenheiten  Eurer  Majestät  Nutzen  und  Förderung
verheilsen“.  Er  widerrät  jetzt  entschieden,  dafs  der  Reichstag
stattfinde?2).  Eine  Förderung  seines  Lieblingswunsches  war  ohnehin
  von  demselben  nicht  zu  erwarten;  der  Kaiser  hatte  ıhm  im
letzten  Schreiben?)  nochmals  eingeschärft,  dafs  die  Angelegenheit
der  römischen  Königswahl  bis  auf  seine  Ankunft  im  Reiche  durchaus
  nicht  angeregt  werden  dürfe;  diese  Ankunft  aber  stellte  Karl,
wie  wir  uns  entsinnen,  laut  des  nämlichen  Schreibens  schon  in
bestimmte,  nicht  ferne  Aussicht.  Beim  Erzherzog  war  es  daher
jetzt  beschlossene  Sache,  der  Reichstag  dürfe  nicht  stattfinden.  Er
bat  den  Bruder,  ohne  Verzug  nach  einem  mitgesandten  Entwurf
ein  Schreiben  an  die  oberste  Reichsbehörde  ausfertigen  zu  lassen,
welches  derselben  befehle,  die  ausgeschriebene  Reichsversammlung
bis  auf  die  Ankunft  des  Herrschers  im  Reiche  zu  vertagen.  Mit
der  gröfsten  Eile  expediert*),  fand  das  erzherzogliche  Schreiben
am  Kaiserhofe  die  günstigste  Aufnahme;  kam  es  doch  nur  den
Wünschen  des  Kaisers  entgegen.  Karl  säumte  nicht,  die  erbetene
Weisung  an  das  Reichsregiment  aufzusetzen  und  dem  Bruder  zu
übersenden;  Ende  April  lag  sie  dem  letzteren  vor’).  In  dem  beı)

  Der  kursächsische  Regimentsbeisitzer  von  Dechwitz  meldet  aus  Efslingen
  unter  dem  14.  April  1526  seinem  Herrn,  gegen  Ende  März  hätten  der
Kardinal  von  Mainz  und  Herzog  Georg  von  Sachsen  eine  Botschaft  beim
Erzherzog  gehabt  (Orig.  Weimar  G.  A.,  Reg.  E);  die  Vermutung  liegt  nicht
fern,  dafs  Ferdinand  auf  diesem  Wege  neue  Nachrichten  über  das  Treiben
der  Lutherischen,  deren  Führer  soeben  ihre  folgenreiche  Zusammenkunft  zu
Gotha  abgehalten,  bezogen  habe.

”)  d.d.  Tübingen  20.  März  (Briefbuch:  19.  März);  Or.  und  Abschrift  in
Wien  H.H.  St.  A.;  erwähnt  Bucholtz  II  S.  369.

3)  Es  ist  das  erwähnte  vom  2.  Februar.  Am  20.  März  schreibt  Ferdinand,
  er  sei  ebenfalls  der  Ansicht,  dafs  das  Projekt  seiner  Erhebung,  zumal
bis  auf  die  Krönung  des  Kaisers  selbst,  nicht  ans  Tageslicht  treten  dürfe.

*)  Es  war  wenig  über  14  Tage  bis  Sevilla  unterwegs,  wie  das  Datum
der  kaiserlichen  Antwort  (s.  S.50  Anm.  1)  an  die  Hand  giebt.

>)  Am  30.  April  repliziert  Ferdinand,  s.  u.

Historische  Untersuchungen.  5.  4