— 139 — 1
soldatische Haltung des Heldengreises. Mit einem echt königlichen, majestätischen
Wesen vereinigte er die größte Milde und Leutseligkeit. Anderen Freude zu machen,
war seine Lust, und auch für Kinder hatte er oft ein freundliches Wort. Wenn er
in Ems im Bade war und spazieren ging, streckten ihm die Emser Büblein nicht
selten zutraulich die Rechte entgegen, die er dann mit freundlichem Lächeln herzlich
schüttelte. Der Kaiser hatte ein kindlich frommes Herz. Ihn hatte das Glück nicht
übermütig, der Ruhm nicht stolz gemacht. So schrieb er nach der Schlacht bei Sedan
an die Kaiserin: „Ich beuge mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine
Verbündeten ausersehen hat, das Geschehene zu vollbringen, und uns zu Werkzeugen
seines Willens gemacht hat. Nur in diesem Sinne vermag ich das Werk aufzufassen,
um in Demut Gottes Führung und seine Gnade zu preisen.“ Sein Wahlspruch
war: „Gott mit uns!"“
2. Wohnung. Wenn der Kaiser in Berlin weilte, so bewohnte er nicht das
prächtige, königliche Schloß, sondern sein einfaches Palais am Eingange „Unter
den Linden“, dem Denkmale Friedrich d. Gr. gegenüber. Das erste Fenster links
in der Front ist das „historische Eckfenster“, nach dem die Besucher der Hauptstadt
oft stundenlang hinüberschauten, um ihren geliebten Kaiser zu sehen, wenn er vom
Arbeitstische aufstand und einmal ans Fenster trat, um sich zu erholen. So oft sich
der Kaiser zeigte, brausten ihm Jubelrufe entgegen, und „manche Mutter hob ihr
Kind auf, daß es sähe des alten Kaisers freundliches Gesicht“. Nicht selten sah man
auch in der Menge Bittsteller, die sich hier dem Kaiser bemerklich zu machen suchten.
3. Einfachheit. Der Kaiser Wilhelm war in allem sehr einfach. Als Schlafstätte
diente ihm ein einfaches Feldbett, das er sogar auf seinen Reisen mit sich nahm.
Das Bett bestand aus einem eisernen Gestelle, einer Matratze und einigen wollenen
Decken. Von früh bis spät sah man ihn gewöhnlich in der Uniform seines Garderegiments,
in der er auch auf seinen Wunsch beigesetzt worden ist. Von seinen täglich
gebrauchten Kleidungsstücken konnte sich der Kaiser nur schwer trennen. So benutzte
er z. B. auf seinen Spazierfahrten einen Mantel, der ihm schon mehr als
25 Jahre gedient hatte.
4. Im Felde. Der Kaiser war Soldat mit Leib und Seele, und so oft seine
Truppen ins Feld rückten, war er ihr Führer und teilte mit ihnen die Mühen und
Gefahren des Krieges. An Schlachttagen folgte er meist zu Pferde dem Gange der
Ereignisse, und mehr als einmal geriet er dabei in Lebensgefahr. Besonders rührend
war seine Teilnahme für die Verwundeten. Sehr oft besuchte er die Lazarette,
erkundigte sich genau bei den Kranken, ob es ihnen auch nicht an Pflege und Erquickung
fehle, ging von Bett zu Bett und sprach in freundlichster Weise mit jedem
einige Worte.
5. Pflichttreue. Von früh bis spät war der Kaiser unausgesetzt tätig. Mit der
größten Gewissenhaftigkeit erledigte er alle Regierungsgeschäfte, und nur wenige
Stunden waren der Erholung gewidmet. Selbst im höchsten Alter gönnte er sich
noch keine Ruhe. Einmal bat ihn sein Leibarzt recht dringend, des schlechten Wetters
wegen doch der angesetzten Parade nicht beizuwohnen, da sonst das Schlimmste
zu befürchten sei. „Dann sterbe ich wenigstens im Dienste“, sagte der Kaiser ruhig und
ritt munter zum Tore hinaus.
6. Tod. Am 9. März 1888 starb Kaiser Wilhelm im Alter von fast 91 Jahren. v. März
Noch wenige Tage vorber hatte er die Regierungsgeschäfte in gewohnter Weise er- 1888