Full text : Bayerisches Realienbuch.

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soldatische  Haltung  des  Heldengreises.  Mit  einem  echt  königlichen,  majestätischen
Wesen  vereinigte  er  die  größte  Milde  und  Leutseligkeit.  Anderen  Freude  zu  machen,
war  seine  Lust,  und  auch  für  Kinder  hatte  er  oft  ein  freundliches  Wort.  Wenn  er
in  Ems  im  Bade  war  und  spazieren  ging,  streckten  ihm  die  Emser  Büblein  nicht
selten  zutraulich  die  Rechte  entgegen,  die  er  dann  mit  freundlichem  Lächeln  herzlich
schüttelte.  Der  Kaiser  hatte  ein  kindlich  frommes  Herz.  Ihn  hatte  das  Glück  nicht
übermütig,  der  Ruhm  nicht  stolz  gemacht.  So  schrieb  er  nach  der  Schlacht  bei  Sedan
an  die  Kaiserin:  „Ich  beuge  mich  vor  Gott,  der  allein  mich,  mein  Heer  und  meine
Verbündeten  ausersehen  hat,  das  Geschehene  zu  vollbringen,  und  uns  zu  Werkzeugen
seines  Willens  gemacht  hat.  Nur  in  diesem  Sinne  vermag  ich  das  Werk  aufzufassen,
um  in  Demut  Gottes  Führung  und  seine  Gnade  zu  preisen.“  Sein  Wahlspruch
war:  „Gott  mit  uns!"“

2.  Wohnung.  Wenn  der  Kaiser  in  Berlin  weilte,  so  bewohnte  er  nicht  das
prächtige,  königliche  Schloß,  sondern  sein  einfaches  Palais  am  Eingange  „Unter
den  Linden“,  dem  Denkmale  Friedrich  d.  Gr.  gegenüber.  Das  erste  Fenster  links
in  der  Front  ist  das  „historische  Eckfenster“,  nach  dem  die  Besucher  der  Hauptstadt
oft  stundenlang  hinüberschauten,  um  ihren  geliebten  Kaiser  zu  sehen,  wenn  er  vom
Arbeitstische  aufstand  und  einmal  ans  Fenster  trat,  um  sich  zu  erholen.  So  oft  sich
der  Kaiser  zeigte,  brausten  ihm  Jubelrufe  entgegen,  und  „manche  Mutter  hob  ihr
Kind  auf,  daß  es  sähe  des  alten  Kaisers  freundliches  Gesicht“.  Nicht  selten  sah  man
auch  in  der  Menge  Bittsteller,  die  sich  hier  dem  Kaiser  bemerklich  zu  machen  suchten.

3.  Einfachheit.  Der  Kaiser  Wilhelm  war  in  allem  sehr  einfach.  Als  Schlafstätte
  diente  ihm  ein  einfaches  Feldbett,  das  er  sogar  auf  seinen  Reisen  mit  sich  nahm.
Das  Bett  bestand  aus  einem  eisernen  Gestelle,  einer  Matratze  und  einigen  wollenen
Decken.  Von  früh  bis  spät  sah  man  ihn  gewöhnlich  in  der  Uniform  seines  Garderegiments,
  in  der  er  auch  auf  seinen  Wunsch  beigesetzt  worden  ist.  Von  seinen  täglich
gebrauchten  Kleidungsstücken  konnte  sich  der  Kaiser  nur  schwer  trennen.  So  benutzte
  er  z.  B.  auf  seinen  Spazierfahrten  einen  Mantel,  der  ihm  schon  mehr  als
25  Jahre  gedient  hatte.

4.  Im  Felde.  Der  Kaiser  war  Soldat  mit  Leib  und  Seele,  und  so  oft  seine
Truppen  ins  Feld  rückten,  war  er  ihr  Führer  und  teilte  mit  ihnen  die  Mühen  und
Gefahren  des  Krieges.  An  Schlachttagen  folgte  er  meist  zu  Pferde  dem  Gange  der
Ereignisse,  und  mehr  als  einmal  geriet  er  dabei  in  Lebensgefahr.  Besonders  rührend
war  seine  Teilnahme  für  die  Verwundeten.  Sehr  oft  besuchte  er  die  Lazarette,
erkundigte  sich  genau  bei  den  Kranken,  ob  es  ihnen  auch  nicht  an  Pflege  und  Erquickung
  fehle,  ging  von  Bett  zu  Bett  und  sprach  in  freundlichster  Weise  mit  jedem
einige  Worte.

5.  Pflichttreue.  Von  früh  bis  spät  war  der  Kaiser  unausgesetzt  tätig.  Mit  der
größten  Gewissenhaftigkeit  erledigte  er  alle  Regierungsgeschäfte,  und  nur  wenige
Stunden  waren  der  Erholung  gewidmet.  Selbst  im  höchsten  Alter  gönnte  er  sich
noch  keine  Ruhe.  Einmal  bat  ihn  sein  Leibarzt  recht  dringend,  des  schlechten  Wetters
wegen  doch  der  angesetzten  Parade  nicht  beizuwohnen,  da  sonst  das  Schlimmste
zu  befürchten  sei.  „Dann  sterbe  ich  wenigstens  im  Dienste“,  sagte  der  Kaiser  ruhig  und
ritt  munter  zum  Tore  hinaus.

6.  Tod.  Am  9.  März  1888  starb  Kaiser  Wilhelm  im  Alter  von  fast  91  Jahren.  v.  März
Noch  wenige  Tage  vorber  hatte  er  die  Regierungsgeschäfte  in  gewohnter  Weise  er-  1888