Full text : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

VII

Vorwort.

VIII

gängers,  hatte  ich  die  Pflicht  und  das  Recht;  aber  wählt  werden,  als  sie  nicht  gehäust  werden  dursein

  Vergleich  meiner  Artikel  gerade  mit  denen  des
Grimmschen  Wörterbuchs  wird  zeigen,  welche  Verschiedenheit
  waltet.

Nachdem  der  Plan  zu  einer  solchen  Arbeit  gefaßt
  und  durchgedacht  war,  habe  ich  im  Vereine  mit
meiner  Frau  über  zehn  Jahre  auf  die  Sammlung
der  quellenmäßigen  Unterlagen  verwendet.  Wir
haben  die  Schriftwerke  unferer  Litteratur  planmäßig
  durchgelesen  und  das  Wortmaterial  daraus,
so  weit  es  meinem  Vorhaben  diente,  verzeichnet,
und  wir  sind  hierbei  gern  auch  auf  die  bedeutendsten
  Schriftsteller  der  Gegenwart  eingegangen,  weil
ich  vor  Allem  auch  der  heutigen  Schriftsprache  gerecht
  werden  wollte.  Zu  dem  Zettelvorrat,  der
auf  solche  Weise  anwuchs,  steuerten  einige  Freunde
und  Schüler  in  Gättingen  bei,  keiner  mehr  als
der  unvergeßliche  Karl  Goedeke,  der  dem  Wörterbuche
  von  der  ersten  Zeit  der  Ausarbeitung  an  die
freundlichste  Teilnahme  entgegen  trug  und  seine
zahlreichen  Wortauszeichnungen  aus  Quellen  des
16.  und  17.  Jahrhunderts  zur  Verfügung  stellte.

Wie  sich  die  Ausarbeitung  gestaltete,  darüber
soll  das  Werk  selbst  sprechen.  Daß  ich  in  der  Gebung
  der  Etymologien  vorsichtig  gewesen  bin,  und
statt  Unsicheres  beizubringen,  lieber  die  Frage  ganz
offen  gelassen  habe,  wird  man  hier  nicht  tadeln.
Der  Formentwickelung  der  Worte  ist  ein  verhältnismäßig
  breiter  Raum  gewidmet,  da  es  eine
größere  Formenlehre  unserer  Schriftsprache  auf  geschichtlicher
  Grundlage  nicht  gibt.  Die  Entfaltung
der  Bedeutung  ist  bei  wichtigen  Worten  in  große
Gruppen  geordnet,  weil  erst  dadurch,  und  nicht
durch  sormelles  Auseinanderreißen  der  Bedeutungsübergänge,
  Entwickelung  und  wieder  Zusammengehörigkeit
  recht  deutlich  erscheint.  Freilich  entsteht
für  eilige  Leser  die  Unbequemlichkeit,  einen  großen
Absatz  eines  solchen  Artikels,  womöglich  sogar  ihn
ganz  durchnehmen  zu  müssen;  aber  das  ist  für
die  tiefere  Wortkenntnis  doch  nur  ein  Gewinn.
Die  Belege  mußten  mit  um  so  mehr  Sorgsalt  ge-Göttingen,

  den  5.  Mai  1890.

ten;  sie  stehen  innerhalb  ihrer  ganzen  Satzumgebung,
  um  lebendiger  zu  wirken.  Sie  gewähren  an
sich  ein  vielseitiges  Bild  unserer  Sprache,  da  sie
allen  Jahrhunderten  entstammen;  auch  alt=  und
mittelhochdeutsche  Stellen  zu  geben  habe  ich  nicht
gescheut.  Auch  der  nicht  fachmännische  Leser  wird
sich  in  die  alte  Sprache  unseres  Volkes  unschwer
hineinfinden,  nötigenfalls  hilst  ein  in  Klammern
gestelltes  Wort  der  Erklärung  nach.  Für  alle  Artikel
  ist  Kürze  erstrebt,  aber  nicht  auf  Kosten  der
Klarheit.  Fachmännische  Ausdrücke  konnten  nicht
ganz  vermieden  werden,  ich  denke  nur  solche  angewendet
  zu  haben,  die  jeder  Sprachgebildete  versteht.


btin  Quellenverzeichnis  wird  dem  Schlußbande
beigegeben  werden,  um  die  Ausgabe  dieses  ersten
Bandes  durch  eine  längere  bibliographische  Zusammenstellung
  nicht  zu  verzögern.  Der  Fachmann
wird,  wenn  er  meine  genauen  Quellenangaben  zu
prüsen  wünscht,  dies  auch  ohne  jenes  Verzeichnis
meist  können;  für  den  Nichtsachmann  sind  ohnehin
nur  die  Namen  der  als  Belege  angeführten  Schriftsteller
  von  entscheidendem  Wert;  und  über  sie  und
ihre  meist  abgekürzt  angeführten  Schriften  gibt  jede
deutsche  Litteraturgeschichte  Auskunft.  Besonders
stark  gekürzte  Büchertitel  sind  jetzt  schon  hinter  dieser
Vorrede  mit  andern  Abkürzungen  zusammengestellt.
Wörterbücher,  die  altes  Sprachgut  verzeichnen,  werden
  ohne  Band=  und  Seitenzahl  aufgeführt,  das
Citat  bezieht  sich  auf  das  Stichwort  des  betreffenden
  Werkes;  solche  Wörterbücher  sind  solgende:
Grass  für  das  Althochdeutsche,  Lexer,  Diesenbach,
  Haltaus  sür  das  Mittel=  und  Frühneuhochdeutsche,
  Schiller-Lübben  für  das  Mittelniederdeutsche,
  Kilian  für  das  Niederländische,
Du  Cange  sür  das  Mittellatein,  Dasypodius,
Alberus,  Maaler  für  unfer  16.,  Henisch  und
Stieler  für  das  17.,  Kramer,  Steinbach,
Frisch,  Adelung  für  das  18.,  Campe  für  den
Anfang  des  19.  Jahrhunderts.

M.  HDerne.