Full text : Geschichte des brandenburgisch-preußischen Staates.

636  XV.  Preußen  seit  1840.

sich  der  General  Vogel  v.  Falkenstein  zur  Aufgabe,  und  ihre
Lösung  gelang  ihm  in  erwünschter  Weise  dadurch,  daß  er  sich  von
Eisenach  zwischen  beide  feindliche  Heere  warf.  Er  wandte  sich  zuerst
gegen  die  Bayern,  die  ihm  zunächst  standen,  und  griff  sie  am  4.  Juli
bei  Dermbach,  südwestlich  von  Salzungen,  an  mehreren  Punkten
an;  da  er  jedoch,  nachdem  er  die  Feinde  eine  Strecke  zurückgedrängt,
plötzlich  das  Gefecht  abbrach,  betrachteten  sich  die  Bayern  als  Sieger,
zogen  sich  aber  trotzdem  in  südlicher  Richtung  zurück,  um  einen  bequemeren
  Anschluß  an  das  8.  Bundescorps  zu  gewinnen.  Ihre  Neiterei,
welche  diese  Verbindung  aufsuchen  sollte,  war  (ebenfalls  am  4.)  bei
Hünefeld  im  Nordosten  von  Fulda  auf  Preußen  gestoßen  und  durch
einzelne  Granatschüsse  derselben  in  so  grenzenlose  Verwirrung  gebracht
worden,  daß  sie  es  vorzog  sich  der  übrigen  Armee  wieder  anzuschließen;
auf  dem  Wege  dorthin  aber  wurde  sie,  Verrath  befürchtend,  von  einem
panischen  Schreck  ergriffen  und  löste  sich  in  wilder  Flucht  auf.

Auf  der  nun  frei  gewordenen  Straße  rückte  Falkenstein  über
Fulda  nach  Schlüchtern  vor,  wandte  sich  dann  aber  plötzlich  nach  dem
Rhöngebirge  und  trieb  am  10.  die  Bayern  aus  ihren  festen  Stellungen
an  der  fränkischen  Saale  bei  Waldaschach,  Hausen,  Kissingen
und  Hammelburg;  demnächst  schickte  er  nur  die  Division  Manteuffel
  zu  ihrer  Verfolgung  bis  Schweinfurt  nach,  während  er  selbst
in  entgegengesetzter  Richtung  mit  den  übrigen  Truppen  abzog.  Seine
Division  Goeben  schlug,  nachdem  sie  den  Spessart  überstiegen  hatte,
am  13.  mit  leichter  Mühe  bei  Laufach  die  Truppen  des  8.  Bundescorps,
  die  ihr  den  Ausgang  versperren  wollten.  Heftiger  war  am
folgenden  Tage  das  Treffen  bei  Aschaffenburg,  wo  der  Feldmarschall-Lieutenant
  v.  Neipperg  mit  österreichischen,  hessischen  und
badenschen  Truppen  in  günstiger  Stellung  stand,  doch  von  dem  General
v.  Goeben  zurückgedrängt  wurde  und  2000  Gefangene  einbüßte.
Darauf  zog  das  ganze  8.  Bundescorps  nach  dem  Odenwalde  und  ließ
den  Preußen  die  Straße  nach  Frankfurt  frei,  wo  dieselben  am  16.
einzogen,  indem  sie  zum  Theil  die  Eisenbahn  dorthin  benutzten.  Stadt
und  Land  wurden  sogleich  für  preußisches  Besitzthum  erklärt  und  ebenso
Nassau  und  Oberhessen,  die  jetzt  ungeschützt  waren.  Vorher  schon
hatte  die  deutsche  Bundes-Versammlung  in  aller  Eile  Frankfurt
verlassen  und  war  nach  Augsburg  übergesiedelt,  wo  sie  ein  ebenso
klägliches  Ende  nahm  wie  einige  Jahre  früher  das  deutsche  Parla—
ment  in  Stuttgart.

Nach  so  außerordentlicher  Anstrengung,  welche  die  Main-Armee
in  den  letzten  14  Tagen  gehabt  hatte,  war  ihr  eine  mehrtägige  Ruhe
nothwendig.  Während  derselben  wechselte  der  Oberbefehl;  Falkenstein
wurde  zum  Gouverneur  von  Böhmen  ernannt,  und  der  General
v.  Manteuffel  trat  an  die  Spitze  der  Armee.  Nachdem  diese
theils  durch  preußische,  theils  durch  norddeutsche  Bundestruppen  um
13,000  Mann  verstärkt  worden  war,  brach  er  von  Frankfurt  und  von
Darmstadt,  das  Goeben  besetzt  hatte,  auf,  um  das  8.  Bundescorps
zu  verfolgen,  das  sich  nun  im  Süden  des  Main  den  Bayern  anschließen