Metadata : Geschichte der Hohenzollern.

—  317  —

Dem  großen  Kurfürsten  dürfen  wir  das  gebührende  Lob  nicht  entziehen,
daß  überall,  wo  es  sich  um  persönliche  Angriffe  und  Beleidigungen  in  Bezug
auf  diese  religiösen  Streitigkeiten  handelte,  er  mit  Schonung  und  Mäßigung  verfuhr,
  und  niemals  das  Ziel  eines  friedlichen  Vergleiches  über  die  streitigen  Punkte
aus  dem  Auge  verlor.  Noch  gegen  das  Ende  seines  Lebens  empfahl  er  dem
Marschall  von  Schomberg  bei  seinem  Abgange  nach  Preußen,  Einigkeit  zwischen
Lutheranern  und  Reformirten  zu  erhalten,  die  von  ihm  selbst  mit  großer  Schonung
  behandelten  Katholiken  nicht  zu  beeinträchtigen,  aber  auch  nicht  üaber  die
mit  Polen  abgeschlossenen  Verträge  sich  ausdehnen  zu  lassen.  Stets  leitete  ihn
sein  freier,  nach  allen  Seiten  hin  gebildeter  Geist  zu  einer  vernünftigen  Duldung,
  denn  er  war  schon  zufrieden,  wenn  Überhaupt  nur  wahrhaft  religisser
Sinn  die  Herzen  seiner  Unterthanen  belebte,  mochten  sie  nun  Reformirte,  Lutheraner
  oder  Katholiken  sein.  Ja  er  war  aufgeklärt  genug,  auch  denen,  welche
schon  vor  dem  Eintritt  der  Reformation  die  Kirche  als  Ketzer  verurtheilt  hatte,
die  Duldung  nicht  zu  versagen,  wie  laut  dem  Landtagsabschiede  von  1663.  den
Arianern,  „so  lange  sie  ruhig  und  friedlich  leben  und  ihre  Irrthümer  nicht  verbreiten
  würden“.  Handelt  es  sich  denn  um  etwas  Anderes  in  der  Religion,  als
den  Weg  zum  Heil  zu  finden?  Wer  wird  leugnen  dürfen,  daß  es  mehr  als
einen  zu  diesem  Ziele  giebt?  Der  wahre  Chrisft  wird  zwar  den  seinen  für  den
kürzesten  und  sichersten  halten,  allein  darf  er  dem  Bruder  die  Möglichkeit,  auch
dieses  Ziel  zu  erreichen,  absprechen?  Daher  erscheint  uns  Duldung  als  das  erste
Gebot  der  christlichen  Liebe,  vor  allem  für  den,  welchen  Gott  berufen  hat  zu
herrschen  und  über  das  Wohl  seiner  Mitmenschen  zu  gebieten.  In  keiner  Herrschersamilie
  aber  ist  dieses  schöne  Gebot  des  Heilandes  mit  solcher  Ausdehnung  geübt
worden,  als  von  den  Hohenzollern,  und  der  große  Kurfürst  steht  hier,  wie  nach
allen  andern  Seiten  hin,  als  glänzendes  Beispiel  in  dem  Vordergrunde.

Auch  an  pofitiven  Maßregeln  zur  Förderung  wahren  christlichen  Sinnes
ließ  es  Friedrich  Wilhelm  nicht  fehlen.  Sobald  er  die  Regierung  übernommen
hatte,  war  es  seine  erste  Sorge,  den  Kirchen  Vorsteher  zu  geben,  welche  den
Gemeinden  mit  gutem  Beispiele  vorangingen,  und  deren  Existenz  natürlich  auch
gesichert  wäre.  Er  befahl  wegen  der  großen  Unwissenheit  des  gemeinen  Mannes,
des  Gesindes  und  der  Kinder  in  Glaubenssachen,  da  sie  fast  gar  kelne  Erkenntniß
von  Gott,  geschweige  denn  von  den  Hauptstücken  des  christlichen  Glaubens  hätten,
den  Predigern  der  Berliner  Kirchen,  weil  die  Wochenkatechisationen  wenig  besucht
würden,  jeden  Sonntag  nach  der  Predigt  dem  Volk  den  lutherischen  Katechismus
zu  erklären,  und  die  Hausväter  zu  ermahnen,  ihr  Gefinde  und  ihre  Kinder  dazu
fleißig  in  die  Kirche  zu  schicken.

Großes,  wie  auf  allen  andern  Gebieten,  hat  Friedrich  Wilhelm  für  den
Unterricht  und  die  religiöse  Bildung  seiner  Unterthanen  geleistet,  obgleich  diese
auch  hierin  die  ihnen  gespendeten  Wohlthaten  über  den  nothwendig  damit  verknäpften
  Beschwerden  und  Beeinträchtigungen  sehr  oft  nicht  erkannten.  Wer
aber  darf  sich  hierüber  wundem  da  die  Religion  ihrem  tiefsten  Wesen  nach