Volltext : Im alten Reichstag. Band I. (1)

Fruhjahrs·  Session  1871.  19

In  der  Zwischenzeit  hatte  sich  nämlich  die  nach  dem  oben  erwähnten
  Beschluß  gebildete  Kommission  mit  der  Frage  der  Beschaffung
  einer  provisorischen  Unterkunft  beschäftigt.  Aus  der  Mitte
des  Reichstags  gehörten  zu  dieser  ersten  Reichstagsbaukommission
Graf  Münster,  August  Reichensperger,  die  inzwischen  verstorbenen
Abgg.  Frhr.  v.  Nordeck  zur  Rabenau,  Franz  Duncker,  v.  Unruh
und  Römer  (Hildesheim).  Die  Verlegung  der  Königlichen  Porzellanmanufaktur
  sollte  im  Jahre  1872  nach  Charlottenburg  erfolgen.
Die  Verkaufslokale  der  Manufaktur  befanden  sich  in  der  Front  der
Leipziger  Straße,  während  die  Fabrikgebäude  dahinter  gelegen  waren.

Die  Kommission  beschloß,  auf  dem  Hof  der  bisherigen  Manufaktur
  einen  Saal  mit  Umfassungswänden  aus  Fachwerk  herzustellen,
welche  nicht  aus3zumauern  find,  sondern  nur  von  beiden  Seiten  mit
Brettern  bekleidet  und  dann  mit  Rohr  bespannt  und  mit  Mörtel
geputzt  werden  sollen.  Auf  das  Vorderhaus  der  Manufaktur  an
der  Leipziger  Straße  soll  ein  Stockwerk  aufgesetzt  werden,  um  genügend
  Räumlichkeiten  für  Kommissionszimmer  zu  gewinnen.

Bei  den  Verhandlungen  wurde  von  den  Technikern  die  Möglichkeit
  bestritten,  diese  Bauten  schon  bis  zur  Herbstsession  fertig  zu
stellen.  Fürst  Bismarck,  der  in  der  Kommissionssitzung  erschienen
  war,  fuhr  gegenüber  diesen  Bedenken  in  heftiger  Weise
dazwischen.  Wenn  die  preußischen  Baumeister  nicht  bis  dahin
fertig  werden  könnten,  so  werde  er  Londoner  herbeitelegraphieren.
Nach  einer  anderen  Lesart  drohte  der  Reichskanzler  Wiener  Architekten
  heranzuziehen.  Darauf  erklärten  die  Berliner  Bauverständigen
  die  Herstellung  bis  zum  Herbst  für  ausführbar.

Der  Kulturkampf  bezinnt.

Als  Kulturkampf  hat  man  von  der  einen  Seite  ernsthaft,  von
der  Gegenpartei  ironisch  die  Kämpfe  zwischen  den  Faktoren  der
Staatsgewalt  und  der  katholischen  Kirche  in  den  Jahren  1870  bis
1887  bezeichnet.  Dieser  Kulturkampf  hatte  indes  zum  Schauplatz
hauptsächlich  das  Abgeordnetenhaus.  Insofern  fällt  eine  Darstellung
seines  Verlaufs  aus  dem  Rahmen  dieser  Skizzen.  Indes  spielte
der  Kulturkampf  sogleich  schon  in  die  erste  Session  des  neuen
Deutschen  Reichstags  hinein  und  beherrschte  insbesondere  die  Adreßdebatte
  am  30.  März  1871.

Im  Anschluß  an  die  Thronrede  zur  Eröffnung  des  ersten
Reichstages  enthielt  der  von  Jührern  aller  Parteien,  mit  Ausnahme
  der  Centrumspartei,  genehmigte  Entwurf  einer  Adresse  an
die  Krone  den  Satz,  daß  die  Tage  der  Einmischung  in  das

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