Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

56  Der  Bortrag  des  Epischen.

Das  ist  der  Klostermeier  von  Mörlischachen,
Der  hier  den  Brautlauf  hält,  ein  reicher  Mann,
Er  hat  wohl  zehen  Sennen  auf  den  Alpen,

Die  Braut  holt  er  jetzt  ab  zu  Imisee,
Und  diese  Nacht  wird  hoch  geschwelgt  zu  Küßnacht.

Euer  Knab'  ist  wieder  da.  Er  konnte  vor  Müdigkeit  und  Hunger
kaum  etwas  vorbringen.  Meine  Frau  giebt  ihm  zu  essen.  So  viel  hab'
ich  verstanden:  der  Bischof  will  den  Knaben  nicht  herausgeben;  es
sollen  kaiserliche  Kommissarien  ernannt  und  ein  Tag  angesetzt  werden,
wo  die  Sache  dann  verglichen  werden  mag.

Man  weiß  nichts  Gewisses.  In  Flandern  soll  neuerdings  ein
Tumult  entstanden  sein;  die  Regentin  soll  besorgen:  er  möchte  sich  hierher
  verpflanzen.  Das  Schloß  ist  stark  besetzt,  die  Bürger  sind  zahlreich
  an  den  Thoren,  das  Volk  summt  in  den  Gassen.

Alle  täglichen  Runden  sind  beordert  zur  bestimmten  Zeit  an  verschiedenen
  Plätzen  einzutreffen,  die  ich  ihnen  bezeichnet  habe;  sie  gehen
indes  wie  gewöhnlich  durch  die  Stadt,  um  Ordnung  zu  erhalten.
Keiner  weiß  von  dem  andern;  jeder  glaubt  der  Befehl  gehe  ihn  allein
an,  und  in  einem  Augenblicke  kann  alsdann  der  Cordon  gezogen,  und
alle  Zugänge  zum  Palast  können  besetzt  werden.

Der  Sandschak  Halla  meldet
Daß  Niklas  Zriny  längst  von  Wien  zurück,
Mit  seiner  Schar  nach  Sigeth  sich  geworfen,
Es  schein'’  als  wisse  er  von  unserm  Plan.

Ein  Bote  wartet,  großer  Herr  und  Kaiser,
Vom  Hamsa  Beg  auf  günstiges  Gehör.

Dein  Sklave,  Hamsa  Beg,  ist's,  der  mich  sendet.
Drei  Mal  versuchte  er's  mit  kühnem  Sinn
Der  wilden  Drau  die  Brücke  aufzuzwingen;
Der  freie  Strom  zerschmetterte  das  Joch
Und  drei  Mal  ward  das  stolze  Werk  zerrissen.
Viel  deiner  Sklaven  fanden  ihren  Tod
Im  wilden  Sturme  der  empörten  Wogen,
Denn  ungewöhnlich  ist  des  Wassers  Höhe.
D’rum  bittet  er  von  seines  Kaisers  Gnade,
Du  wollest  warten,  bis  der  wilde  Strom
In  seine  alten  Ufer  sich  gezwungen,

Denn  ganz  unmöglich  sei  es  deinem  Knecht
Die  Brücke  jetzt  zum  Übergang  zu  schlagen.

§  35.  In  den  im  vorigen  §  aufgeführten  Beispielen  war
die  ruhige  Tonart  vorwiegend  die  richtige.  Allein  es  können