Full text : Deutsche Weltpolitik 1890-1912.

3.  DER  ÜBERGANG  ZUR  WELTPOLITIK.  41

und  an  Japan  bedeutete,  wurde  in  Berlin  nicht  ernst  genommen.
Rußland  begnügte  sich  auch  zunächst  mit  der  Forderung  der
fortdauernden  Besetzung  von  Port  Arthur  und  Talienwan  und
der  Konzession  einer  Zweiglinie  der  mandschurischen  Bahn  über
Kirin—Mukden  (russisch-chinesischer  Vertrag  vom  27.  März
1898).  Weihaiwei  ging  nach  einer  Verständigung  mit  Japan
in  englischen  Besitz  über,  wobei  durch  eine  freundschaftliche
Erklärung  des  englischen  Kabinetts  die  deutschen  Rechte  und
Interessen  in  der  Provinz  Schantung  sichergestellt  wurden.
Überhaupt  hatte  sich  Lord  Salisbury  während  der  Auseinandersetzungen
  nach  der  deutschen  Besetzung  von  Kiautschou,  unbeirrt
  durch  den  inzwischen  von  der  Krügerdepesche  hervorgerufnen
  Zorn  der  Öffentlichen  Meinung  in  England  (s.  weiter
unten  S.  5),  nicht  unfreundlich  gegenüber  Deutschland  verhalten.
  Die  Berliner  Regierung  folgte  gern  seinem  wiederholten
Rat,  bei  Einrichtung  der  Bai  zum  Freihafen  möglichst  liberale
Maßregeln  für  den  Welthandel  zu  treffen  (Bd.  XIV  S.  3—181).

Überblickt  man  den  Verlauf  der  Dinge  in  Ostasien  nach
der  Intervention  Rußlands,  Japans  und  Deutschlands  gegen  den
Frieden  von  Schimonoseki,  so  zeigt  sich  fortlaufend  eine  Wechselwirkung
  zwischen  den  Interessen  der  Großmächte  in  Europa
und  ihren  Ansprüchen  im  Fernen  Osten,  und  das  Wort  wurde
in  politischer  Beziehung  zur  Regel:  „Orient  und  Okzident  sind
nicht  mehr  zu  trennen“.

Kehren  wir  nun  vorerst  wieder  nach  Europa  und  dem  Nahen
Orient  zurück.

In  Kleinasien  waren  wieder  blutige  Greuel  gegen  armenische
Christen  verübt  worden.  Die  von  den  Botschaftern  Englands,
Frankreichs  und  Rußlands  geforderten  Reformen  wurden  erst
von  der  Pforte  schroff  abgelehnt,  dann  aber  nach  dem  Erscheinen
eines  britischen  Geschwaders  vor  Beirut  zugesagt  (Juni  1895).
Man  mußte  darauf  gefaßt  sein,  daß  sich  die  Metzeleien  wiederholen
  würden.  Durch  eine  parlamentarische  Niederlage,  die  das
Ministerium  Rosebery  mit  Grey  als  Unterstaatssekretär  des  Auswärtigen
  gegen  Ende  Juni  erlitt,  wurde  ein  neues  Ministerium
unter  Salisbury  als  Premierminister  und  Minister  des  Auswärtigen