Full text : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

580  25.  Die  Friedenzzeit  und  die  Gegenreformation  (1555  —  16181.

Veritand  jchöpfte,  und  das  von  ihm  gründliche  Vertiefung,  ja  eindringliches
  Studium  heilchte,  wenn  das  Berjtändnis  fein  oberfläch-(iche3
  bleiben  jollte:  das  immer  wiederholte  Lejen  der  Bibel  war
für  da8  Geichlecht  der  Reformation,  und  zwar  nicht  nur  für
die  gebildeten  Stände,  Jondern  auch  für  Bürger  und  Bauer,  eine
ernfte,  eine  Gemifjensjache,  und  die  Bibelfeftigfeit,  die  das  proteftantifche
  Volk  in  allen  feinen  Schichten  befaß,  fchuf  eine  gemeiname
  Bildung  zwilchen  hoch  und  niedrig,  in  deren  Mangel  wir  in
unjeren  Tagen  die  eigentliche  Urjache  des  weite  Kreije  erfüllenden
Jozialen  Unbehagens  erbliden  müfjen.  Durch  dies  alles  wie  auch
Ihon  durch  die  Zoslöfung  von  Aäußerlichen  Autoritäten  wurde,  wie
jelbftverftändfich,  der  Bildungsdrang,  der  Trieb  des  TFragens  umd
SForjchens  bei  den  Proteftanten  mächtig  geweckt,  ja  ihnen  zur  Notwendigfeit.
  Das  andere  von  jenen  beiden  Forderungsmitteln  der
Bıldung  und  wifjenschaftlichen  Kultur  war  das  Pfarrhaus,  deifen
Einfluß  auf  die  Geitaltung  des  criftlichen  Gemeindelebens  notwendig
  ein  unvergleichlich  fegensreicherer  war  al3  der  de3  ehelojen
Prieftertums  der  alten  Kirche.  Sm  der  fatholifchen  Welt  bildeten
lich  feine  Kamilien,  in  denen  ein  Trieb  gelehrten  Wiljens  das  Haus
beherrichte  und  vom  Bater  auf  Sohn  und  Enfel  weiterging;  e3
bildete  fich  auch  fein  Wechjelverfehr  gemeinfamen  Wahrheitjuchens
zwilchen  Hirt  und  Herde,  zwilchen  Pfarrer  und  Gemeinde,  um  jo
weniger,  da  die  Laienfchaft  von  der  Mitarbeit  und  alfo  dem  lebendigen
Sntereffe  am  theologiichen  und  philofophischen  Denken  ausgejchloffen
war,  iwa8  mit  der  Zeit  notwendig  eine  Rüdjtändigfeit  auf  wiffen-Ihaftlichem
  Gebiet  überhaupt  hervorrufen  mußte.  Das  Volk  und  der
Adel  überlieferte  feine  fähigjten  Glieder  dem  Dienst  der  Kirche,  aber
ihr  Geift  und  Wiffen  ftarb  mit  dem  Einjamen,  der  feine  Söhne  und
fein  Haus  hinterließ,  in  denen  fein  Geift  fortlebte  und  weiter  wirkte.
Taft  alle  großen  Namen  in  Willenjchaft  und  Literatur  der  drei
folgenden  Sahrhunderte  gehören  dem  proteftantiichen  Lager  an.
Einftweilen  trat  dies  noch  nicht  hervor  und  auch  der  große
Aufichwung,  den  das  Schulweien  in  den  proteftantifchen  Gebieten
nahm,  machte  fich  erft  nach)  und  nach  geltend.  Das  Ringen  um