Metadata : Deutschland und der Weltkrieg.

 

31  tto  Hintze

 

immer  sehr  schwer  zu  entscheiden,  ob  ein  politischer  Schachzug  richtig
oder  ob  er  ein  Fehler  gewesen  sei,  zumal  das,  was  der  Öffentlichkcit  bekannt
  wird,  einer  sehr  verschiedenartigen  Deutung  und  Motivicrung
fähig  ist;  und  insbesondere  bei  der  Beurteilung  der  deutschen  Wecltpolitik
  wird  häufig  die  Rücksicht  auf  die  Gefahren  außer  acht  gelassen,
die  von  der  Rückwirkung  jedes  ihrer  Schritte  auf  unsere  so  leicht  unter
einen  konzentrischen  Druck  zu  bringende  curopäische  Stellung  ausgchen
können.  Wäre  es  nach  den  NRatschlägen  der  Alldeutschen  gegangen,  so
hätten  wir  schwerlich  den  Frieden  so  lange  wahren  können,  wiec  es  geschehen
  ist,  und  hätten  viellcicht  beim  Ausbruch  eines  Krieges  nicht
so  wie  heute  das  starke  und  einmütige  Gefühl  gehabt,  daß  wir  in  gerechter
  Rotwehr  das  Schwert  ziehen,  daß  wir  von  unseren  Gegnern
überfallen  sind  und  um  unser  Oasein  kämpfen  müssen.

An  und  für  sich  ist  ja  das  Bestreben  löblich,  mit  grundsätzlicher
Ignorierung  der  inneren  Parteifragen  dic  öffentliche  Meinung  an  eine
selbständige  Erörterung  der  großen  Probleme  unserer  auswärtigen  Politik
  im  nationalen  Sinne  zu  gewöhnen.  Wir  Deutsche  sind  bisher  nur
allzu  geneigt  gewesen,  in  der  Presse  und  auf  der  Tribünc  unsere  inneren
Parteigegensätze  auszufechten  und  die  Sorge  für  die  Macht  und  Größe
des  Vaterlandes  den  bewährten  Händen  der  Regierung  zu  überlassen.
Wir  hatten  aus  der  Geschichte  Bismarcks  gelernt,  wie  unverständig
oft  das  Urteil  uneingeweihter  und  in  Parteidoktrinen  befangener  Publizisten
  und  Parlamentarier  über  die  großen  Probleme  der  hohen  Politik
sein  kann,  und  die  Erfolge  seiner  Staatsleitung  hatten  uns  daran  gewöhnt,
  in  auswärtigen  Fragen  einfach  der  Politik  der  Regierung  zu
vertrauen.  Dieses  Maß  von  Vertrauen  haben  die  Nachfolger  des  ersten
Kanzlers  in  der  öffentlichen  Meinung  nicht  mehr  genossen;  und  man
versteht,  mit  welcher  Empfindlichkeit  sie  auf  die  wach  gewordene  Kritik
der  uneingeweihten  und  unverantwortlichen  Tadler  blickten.  Aiemand
wird  wünschen,  daß  das  Interesse  für  die  auswärtigen  Fragen  aus  der
öffentlichen  Diskussion  verschwinde;  aber  je  höher  das  Maß  politischer
Bildung,  je  tiefer  die  Einsicht  in  die  allgemeine  Weltlagc,  desto  vorsichtiger
  wird  die  Meinungsäußerung,  desto  zurückhaltender  das  Urteil
  in  Lob  und  Tadel  sein.  Oiec  auswärtige  Politik  eines  Landes  ist
umso  schwieriger,  je  vielfältiger  die  Möglichkeit  unliebsamer  Verwicklungen
  und  je  stärker  daher  das  Maß  gebotener  Rücksichten  ist.  Es  ist
leichter  für  einen  Engländer  oder  Amerikaner,  ja  auch  für  einen  Russen
oder  Franzosen,  über  Probleme  der  auswärtigen  Politik  zu  reden,  als
für  einen  Deutschen;  denn  bei  uns  liegt  das  Maximum  der  Schwierigkeiten.
  Man  wird  nicht  sagen  dürfen,  daß  die  Politiker  des  Alldeutschen