Full text : Kriegführung und Politik.

„Das  Drängen  der  O.  H.  L.“  309

äußert,  der  ihr  von  dem  Auswärtigen  Amt  zugestellt  wurde.  Sie
forderte  dabei  unter  anderem  nicht,  daß  die  Note  den  Wunsch  nach
einem  „sofortigen“  Abschluß  eines  Waffenstillstandes  aussprach,  wie
es  später  in  ihr  hieß.  Sie  nannte  hierfür  keine  Zeit  und  warnte
auch  vor  der  vorbehaltlosen  Annahme  der  vierzehn  Punkte  Wilsons.
Auch  fehlte  der  Hinweis  auf  Wilsons  berüchtigte  Rede  vom  27.  September.
  Die  O.  H.  L.  bezweckte  durch  ihre  Stellungnahme,  daß  die
Note  ruhiger  und  selbstbewußter  nach  außen  hin  wirkte.  Diese  An—
gaben  mögen  für  den  Gang  der  großen  Ereignisse  unwichtig  er—
scheinen,  zeigen  aber  das  Denken  der  O.  H.  L.

Über  den  Zeitpunkt  der  Abfertigung  der  Note  entstand  Meinungsverschiedenheit,
  als  sich  ihr  Abgang  über  die  vom  Staatssekretär
  des  Auswärtigen  Amtes  angegebene  Zeit  hinauszog.
Darauf  forderte  am  1.  Oktober  ein  Uhr  mittags  die  O.  H.  L.,  die
von  dem  eigennützigen  Auftreten  politischer  Parteien  bei  der  Regierungsbildung
  Kenntnis  bekam,  vom  Vizekanzler  einen  Entschluß').
  Der  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes,  der  von
seinen  Vertretern  entsprechende  Telegramme  erhielt,  scheint  diese
Forderung  richtig  verstanden  zu  haben.  Er  antwortete:

„Militärische  Lage  ist  stärkstes  Druckmittel  gegenüber  unsinnigen
  und  anspruchsvollen  Parteien.“

Diese  ließen  es  in  ihrer  Begehrlichkeit  an  Gemeinsinn  für
Heer  und  Volk  fehlen  und  zogen  es  vor,  im  Augeublicke  höchster
Not  des  Landes,  nach  den  Worten  des  Staatssekretärs,  der  bisher
mit  ihnen  gearbeitet  hatte,  unsinnige  und  anspruchsvolle  Forderungen
  durchzusetzen,  um  sich  in  ihrer  Selbstsucht  recht  schnell  den
erstrebten  Ertrag  des  Krieges  zu  sichern.

Prinz  Max  wollte  nach  seinem  Eintreffen  in  Berlin  am  1.  Oktober,
  gegen  die  Anschauung  der  O.  H.  L.  und  verschiedener  Staatssekretäre,
  mit  der  Absendung  des  Angebotes  mindestens  acht  Tage
warten.  Die  O.  H.  L.  hätte  den  Wünschen  des  Reichskanzlers  nachkommen
  können,  wenn  von  ihm  sofort  kraftvolle  Einwirkungen  auf

*)  Näheres  darüber  in  meinen  „Entgegnungen  auf  das  amtliche  Weißbuch:
Die  Vorgeschichte  des  Waffenstillstandes,  Heft  2:  Das  Friedens-  und  Waffenstillstandsangebot,
  Heft  3:  Das  Verschieben  der  Verantwortlichkeit.“  Berlin  1919.