Full text : Europäischer Geschichtskalender. Dritter Jahrgang. 1862. (3)

5.  Italien.

3.  Jan.  Cirrulardepesche  Ricasoli's  über  die  Tragweite  der  letzten  Beschlüsse
  des  Parlaments  und  über  die  innere  Lage  des  Landes:

„.  ..  Ich  wage  nicht,  das  mit  so  großer  Mehrheit  ausgesprochene  Votum  der
Kammer  als  ein  Zeichen  des  Vertrauens  in  die  Personen  zu  betrachten,
welche  die  Landesangelegenheiten  leiten.  Dieses  Votum,  und  darin  liegt
seine  hohe  Bedeutung,  ist  die  ausdrückliche  und  wiederholte  Sanktion  eines
Programmes,  welches  die  gesunde  Vernunft  und  die  Hoffnung  als  dasjenige
bezeichnet,  welches  allein  Italien  zu  seinem  Endziel  führen  kann,  die  Schwierigkeiten
  unseres  gerechten  und  ruhmreichen  Unternehmens  vermindert  und
die  öffentliche  Meinung  Europa's  uns  immer  geneigter  macht.  Das  Parlament
  hat  gezeigt,  daß  die  italienische  Nation,  obschon  zum  Theil  ein  Neuling
  in  einem  freien  und  eigenen  Leben,  dennoch  weder  der  praktischen  Klugheit
  noch  der  Beharrlichkeit  entbehrt,  welche  bisher  ihre  Schritte  bei  der
Erwerbung  eines  unabhängigen  Vaterlandes  bezeichneten  und  daß  die  Itallener
immer  vereint  nach  demselben  Ziele  streben  werden,  ohne  sich  durch  Hindernisse
  und  Opfer  abhalten  oder  durch  hochherzige  Ungeduld  antreiben  zu  lassen.
Dieses  ist  der  wirkliche  und  wahre  Sinn  der  neuesten  Parlamentsbeschlüsse.
In  der  römischen  Frage  hat  die  Kammer  nicht  allein  das  Votum  vom
27.  März  1861  bestätigt,  sondern  noch  verstärkt.  Trotz  der  Schwierigkeiten,
denen  wir  begegneten,  hat  sie  aufs  Neue  erklärt,  daß  Rom  für  die  Einheit
und  Ruhe  Italiens  nothwendig  ist.  Allein  zu  gleicher  Zeit  zog  sie  die  Dokumente
  in  Betracht,  welche  die  Regierung  des  Königs  vorgelegt  hatte,  und
sprach  sich  dahin  aus,  daß  die  italienische  Nation  ihrer  Religion  aufrichtig
ergeben  und  bereit  ist,  mit  größter  Sorgfalt  die  sichersten  Garantieen  zu
geben,  welche  die  katholischen  Gewissen  für  die  Würde  und  Unabhängigkeit
des  hl.  Vaters  wünschen  können.  Nicht  minder  fest  und  gemäßigt  hat  sich
die  Kammer  in  der  venetianischen  Frage  erwiesen.  Indem  sie  der
Sorgfalt  des  Ministeriums  die  Rüstungen  empfahl,  wollte  sie  damit  keinen
voreiligen  Konflikt  provoziren,  sondern  nur  Europa  kund  geben,  daß  JItalien
  seine  Kräfte  in  Einklang  bringen  wolle  mit  den  Erfordernissen  der  Lage,
und  im  Uebrigen  den  abwägenden  Berathungen  der  Regierung  die  Beurtheilung
  der  Konjunkturen  und  der  Mittel  überlasse,  die  ihr  günstig  erscheinen
könnten,  um  in  wirksamer  Weise  die  Revindikation  dieses  Theiles  des  italienischen
  Landes  zu  betreiben..  Jenes  Heer,  welches  nach  der  Behauptung
  unserer  Gegner  unmöglich  zusammenzubringen  oder  zu  halten  wäre,
weil  es  aus  verschiedenen  Elementen  gebildet  ist,  beweist  durch  brüderliche
Einigkeit,  Instruktion  und  Disciplin,  daß  die  Italiener  aller  Provinzen  zum
Waffendienst  tauglich  sind.  Die  Lasten  endlich,  welche  unsere  Finanzen
zu  tragen  haben,  übersteigen  die  Mittel  nicht,  über  welche  die  Nation  zu
verfügen  hat,  und  Italien  wird  in  kurzer  Zeit  zeigen,  daß  es  reich  und
patriotisch  genug  ist,  um  allen  Erfordernissen  seiner  nationalen  Wiedergeburt
zu  genügen.  Wenn  man  daher  einen  unparteiischen  Blick  auf  unsere  Lage
und  unser  Verfahren  wirft,  wird  man  erkennen,  daß  Italien  ernstlich  seine
Unabhängigkeit  konstruiren  will  und  auch  dazu  befähigt  ist.  So  ist  unsere