Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

Karlingische  Zeit.  125

Liutgard,  war  kinderlos.  Nach  ihrem  Tode  hatte  er  noch
drei  Kebsweiber,  die  Gersuinda,  welche  ihm  eine  Tochter,
Adaltrud,  gebar,  die  Regina  und  die  Adalinde.  Die  Er—
ziehung  seiner  Kinder  richtete  er  so  ein,  daß  Söhne  wie
Töchter  zuerst  in  den  Wissenschaften  unterwiesen  wurden.
Dann  mußten  die  Söhne,  sobald  es  nur  ihr  Alter  erlaubte,
  nach  der  Sitte  der  Franken  reiten,  sich  in  den
Waffen  und  auf  der  Jagd  üben,  die  Töchter  aber  sich  mit
Wollenarbeiten  abgeben  und  mit  Spinnrocken  und  Spindel
beschäftigen,  damit  sie  sich  nicht  an  den  Müssiggang  gewöhnten,
  und  ließ  er  sie  anleiten  zu  guter  Zucht.  Leider
hat  diese  Anleitung  nicht  die  gehofften  Früchte  getragen,
denn  Karls  Töchter  schlugen  keineswegs  ihrer  Großmutter
  von  viterlicher  Seite  nach,  jener  Bertha,  deren
hausmütterliche  Tugenden  die  Sage  feierte,  indem  sie  ihr
den  Ehrennamen  der  Spinnerin  gab.  Da  Karls  Töchter,
fährt  Einhard  fort,  ungemein  schön  waren  und  von  ihm
auf's  Zärtlichste  geliebt  wurden,  so  ist  es  sehr  zu  verwundern,
  daß  er  keine  von  ihnen  einem  seiner  Mannen
oder  einem  Fremden  zum  Weibe  geben  wollte;  aber  er
sagte,  er  könne  ohne  ihre  Gesellschaft  nicht  leben,  und
behielt  sie  alle  bis  zu  seinem  Tode  bei  sich  zu  Hause.
Darob  mußte  er,  sonst  so  glücklich,  die  Tücke  des  Schicksals
  erfahren;  er  ging  jedoch  so  über  die  Sache  hinweg,
als  wäre  nie  der  geringste  Verdacht  ob  eines  Fehltritts
gegen  sie  entstanden  oder  ein  Gerücht  darüber  laut  geworden?).
  Daß  Einhard  hiemit  auf  verliebte  Abenteuer

9)  Eginhardi  vita  C.  M.  cap.  18,  19.