Full text : Deutsche Weltpolitik 1890-1912.

52  II.  DER  NEUE  KURS.

die  Frage  aufgeklärt,  ob  der  Kaiser  die  Absendung  eines  solchen
Glückwunsches  mehr  oder  weniger  kategorisch  verlangt  hat.
Überwiegende  Gründe  sprachen  dafür,  daß  nicht  Fürst  Hohenlohe
  oder  Marschall,  sondern  der  Kaiser  der  intellektuelle  Urheber
  gewesen  ist,  obgleich  er  in  seinem  Buche  „Ereignisse
und  Gestalten‘  alle  Schuld  auf  Hohenlohe  und  Marschall  abzuschieben
  sucht.

Der  Band  XI  der  Aktensammlung  „Die  große  Politik  der
europäischen  Kabinette  1871—  1914“,  der  sämtliche  Aktenstücke
des  Auswärtigen  Amts  aus  der  Zeit  der  Krüger-Depesche  enthält,
wurde  im  Laufe  des  Winters  1923  /24  ausgegeben.  Daß  die  Akten
aus  den  Tagen  der  Entstehung  der  berühmten  Depesche  eine
erschöpfende  Darstellung  der  Vorgänge  und  Entschlüsse  bringen
würden,  durfte  nicht  erwartet  werden,  aus  dem  einfachen  Grunde,
weil  sich  die  Ereignisse  in  Transvaal  Schlag  auf  Schlag  folgten
und  weil  über  die  Besprechungen  der  zu  fassenden  Entschlüsse
keine  Protokolle  aufgenommen  wurden,  Die  Beratung  beim
Reichskanzler  am  3.  Januar  1896  war  eine  große  Improvisation.

Daß  die  gleichzeitigen  Akten  kein  volles  Licht,  namentlich
über  dieFrage  der  intellektuellen  Urheberschaftverbreitenkonnten,
ließ  den  Mitherausgeber  Dr.  Friedrich  Thimme  nicht  ruhen,
es  drängte  ihn,  der  vollen  Wahrheit  weiter  nachzuspüren.  Von
den  an  der  Beratung  beim  Reichskanzler  Beteiligten  lebt  außer
dem  Kaiser  keiner  mehr.  Es  fragte  sich  daher,  ob  vielleicht
aus  hinterlaßnen  Papieren  der  Teilnehmer  die  Lücke  der  Akten
auszufüllen  war.  Die  wichtigsten  Ergebnisse  seiner  Nachforschungen
  hat  Dr.  Thimme  in  der  Zeitschrift:  „Europäische
Gespräche  Mai/Juni  1924“  niedergelegt.  Das  Hauptstück  ist
in  einem  Tagebuch  des  Frhrn.  v.  Marschall  enthalten,  das  Freifrau
v.  Marschall  auf  Bitten  Thimmes  zur  Verfügung  gestellt  hat.
Darin  befindet  sich  folgende  Eintragung  vom  Tage  der  Absendung
  der  Krüger-Depesche:

„3.  Januar.

Um  10  Uhr  Konferenz  mit  S.  M.,  der  noch  Reichskanzler,
Hollmann  (Staatssekretär  der  Marine),  Knorr  (Kommandierender
Admiral)  und  Senden  (Chef  des  Marinekabinetts)  beiwohnen.