Metadata : Die Freiheit.

so  ist  doch  kein  Denker  über  jene  Erklärung  der  Freiheit  hinausgekommen,
  welche  Aristoteles  gefunden.  Er  meint  in  seiner
  erschöpfenden  empirischen  Weise,  die  Freiheit  umfasse
zwei  Dinge:  die  Befugnis  der  Bürger,  nach  ihrem  Belieben
zu  leben,  und  die  Teilnahme  der  Bürger  an  der  Staatsregierung
  (das  abwechselnde  Regieren  und  Regiertwerden).  Die
Einseitigkeit,  welche  der  Hebel  alles  menschlichen  Fortschreitens
  ist,  bewirkt,  daß  die  Völker  fast  niemals  dem  vollen
Freiheitsbegriffe  nachstrebten.  Vielmehr  ist  bekannt,  wie  die
Griechen  sich  mit  Vorliebe  an  dieses  letztere,  an  die  politische
Freiheit  im  engeren  Sinne,  hielten  und  einem  schönen  und
guten  Gesamtdasein  willig  die  freie  Bewegung  des  Menschen
zum  Opfer  brachten.  Gar  so  ausschließlich,  wie  gemeinhin
behauptet  wird,  war  die  Vorliebe  der  Alten  für  die  politische
Freiheit  freilich  nicht.  Jenes  Wort  des  griechischen  Denkers
beweist  ja,  daß  ihnen  das  Verständnis  für  das  Leben  nach
eigenem  Belieben,  für  die  bürgerliche,  persönliche  Freiheit
keineswegs  fehlte.  Aristoteles  weiß  sehr  wohl,  daß  auch  eine
Staatsgewalt  denkbar  ist,  welche  nicht  das  gesamte  Volksleben
  umfaßt;  er  sagt  ausdrücklich,  die  Staaten  unterscheiden
sich  voneinander  besonders  dadurch,  ob  alles  oder  nichts
oder  wie  vieles  den  Bürgern  gemeinsam  sei.  Jedenfalls
blieb  in  dem  ausgewachsenen  Staate  des  Altertums  die  Vorstellung
  vorherrschend,  daß  der  Bürger  nur  ein  Teil  des
Staates  ist,  die  rechte  Tugend  nur  im  Staate  sich  verwirklicht.
  Darum  befassen  sich  die  politischen  Denker  der  Alten
bloß  mit  den  Fragen:  wer  soll  herrschen  im  Staate?  und
wie  soll  der  Staat  geschützt  werden?  Nur  als  eine  leise
Abnung  regt  sich  dann  und  wann  die  tiefere  Frage:  wie  soll
der  Bürger  vor  dem  Staate  geschützt  werden?  Den  Alten
steht  fest,  daß  eine  Gewalt,  welche  ein  Volk  über  sich  selber

7