Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

584  Die  Arbeiterfrage.

letzterem  Falle  nicht  den  ganzen  möglichen  Nutzen,  indem  der  Unternehmer
  Vortheile  beziehen  will;  sondern  es  ist  namentlich  eine  Unsicherheit
zu  befürchten.  Die  Berechnung  kann  von  Hause  aus  falsch  sein  und  muss
dann  natürlich  früher  oder  später  mit  einem  Bankerott  endigen;  oder  es
kommen  im  Laufe  der  Zeit  (solche  Anstalten  sind  aber  auf  eine  lange  Reihe
von  Jabren  angelegt)  unfühige  oder  unverlässige  Menschen  aı  die  Verwaltung.
  Von  beiden  sind  traurige  Beispiele  genugsam  vorhanden.  Wenn  nun
der  Staat  solche  Anstalten  errichtet,  so  gewähren  sie  nicht  nur  grössere
Sicherheit,  sondern  es  kann  auch  ohne  allen  Abzug  für  Verwaltungskosten,
Gefahr  u.  8.  w.  der  höchste  mözliche  Ertrag  verwilligt  werden.  Die  Gewährung
  einer  solchen  Unterstützung  ist  ihm  aber  leicht,  wenn  er  einen  Theil
der  öffentlichen  Schuld  zu  diesem  Zwecke  organisirt.  Man  wäre  vielleicht
versucht,  selbst  noch  weiter  zu  gehen  und  vom  Staate  zu  verlangen,  dass
er  aus  seinen  Mitteln  für  einlegende  Arbeiter  höhere  Renten  verwillige,
als  die  Berechnung  an  sich  rechtfertige.  Es  ist  jedoch  eine  solche  Vergüustigung
  desshalb  schwer  ausführbar,  weil  sich  Täuschungen  in  der
Richtung  schwer  vermeiden  lassen  möchten,  dass  sich  Nichtarbeiter  unter
Mitwirkung  von  Arbeitern  in  diese  Vortbeile  einschleichen  und  so  den
Steuerzahlenden  eine  ungerechtfertigte  I.ast  auflegen  würden.  Sollte  ein  solcher
  Missbrauch  mit  Sicherheit  vermieden,  also  die  Verwilligung  eines  Zuschusses
  zu  der  ziffermässigen  Rente  auf  Arbeiter  allein  beschränkt  werden
können,  so  wäre  allerdings  die  Sicherstellung  gegen  eines  der  grössten
Uebel  derselben,  nämlich  hülflose  Dürftigkeit  im  Alter,  wenigstens  in  vielen
Fällen  zu  beseitigen  und  olıne  Zweifel  eine  solche  Hülfe  auch  ein  Opfer
von  Seite  der  Gesammtheit  werth.  —  Nicht  von  gleicher  Wichtigkeit,  aber
doch  immerhin  von  Bedeutung  für  die  ärmeren  Klassen,  sind  die  Consum-Vereine.
  Sie  gewähren  etwas  wohlfeileren  Bezug  der  täglichen  Lebensmittel,
  eine  gute  Beschaffenheit  derselben,  und  sie  nöthigen,  weil  nichts
auf  Credit  gegeben  wird,  zu  einer  geordneten  Haushaltung;  vielleicht  geben
sie  selbst,  natürlich  auf  Kosten  der  laufend  angesetzten  Preise,  eine  kleine
Dividende.  Die  Einrichtung  ist  keine  schwierige  Aufgabe;  ebenso  erfordert
die  Fortführung  nur  Pünktlichkeit  und  Ehrlichkeit  bei  den  mit  dem  Betriebe
  Beauftragten,  zur  Versicherung  dieser  Eigenschaften  aber  eine  verständige
  Ueberwachung.  Die  Vortheile  sind  folglich  so  einleuchtend  und
die  Sicherstellungsmittel  so  einfach,  dass  es  nicht  eben  vieler  Aufmunterung
oder  Nachhülfe  bedarf,  um  einen  Verein  solcher  Art  ins  Leben  zu  rufen;
und  es  ist  diess  um  so  weniger  schwierig,  weil  nicht  einmal  eine  Gleichförmigkeit
  der  Lebensverhältnisse  oder  der  Beschäftigung  bei  den  Theilnelımern
  nothwendig  ist,  somit  Arbeiter  sich  ohne  Anstand  an  Andere  anschliessen
  können,  wenn  sie  nicht  im  Stande  sind  unter  ihren  Genossen
allein  eine  genügende  Theilnahme  zu  erwecken.  Der  einzige  Fall,  in  wel-