Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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erkennen  und  zwar  muß  er  letztere  an  sich  selbst  erkennen,  denn  wenn  er
sich  als  Ursache  erkennt,  muß  er  folgerichtig  auch  die  Wirkung,  die  von
ihm  ausgeht,  erkennen  und  zwar  in  deren  Eigentümlichkeit,  zumal  er
die  Urbilder  der  Dinge,  die  ihm  ähnlich  sind,  in  sich  hat.  Wenn  aber
Gott  die  Kausalität  und  die  Eigentümlichkeit  der  Dinge  erkennt,  so
muß  er  auch  notwendig  die  Summe  der  Möglichkeiten  erkennen.

Eine  natürliche  Folge  der  Intelligenz  ist  der  Wille.  Der  göttlichen
  Intelligenz  muß  deshalb  auch  ein  göttlicher  Wille  entsprechen.
Denken  und  Wollen  ist  real  und  identisch  mit  dem  Sein,  d.  h.  das
Sein  Gottes  kommt  in  der  Intelligenz  und  im  Willen  zur  Außerung.
Sowie  die  natürlichen  Dinge  das  Bestreben  in  ihrer  vollkommenen
Natürlichkeit  haben,  so  strebt  die  intellektuelle  Natur  zu  einer  vollkommenen
  intelligiblen  Form  des  Verstandes,  d.  h.  sie  erstrebt  das
seelische  Gleichgewicht.  Gottes  Wille  ist  demnach  ein  erstrebtes  seelisches
Gleichgewicht  mit  sich  und  den  Dingen  der  Welt,  und  zwar  indem  er
sich  selbst  als  Zweck  und  die  Dinge  als  Mittel  dazu  will.  Ersteres  will
er  mit  Notwendigkeit  und  letzteres  mit  Freiheit,  so  daß  sich  im  letzteren
Gottes  Güte  und  die  Liebe  zu  den  Menschen  dokumentiert.  Die  Güte
Gottes  gegenüber  den  Menschen  besteht  aber  darin,  daß  er  sie  als  an
seiner  Glückseligkeit  teilnehmende  Wesen  ins  Dasein  gesetzt  hat  und  daß
er  als  Vorsehung  dafür  sorgt,  daß  sie  alle  das  Ziel  erreichen.

Als  Sein  ohne  Stoff  ist  Gott  vollkommen  und  als  solcher  unveränderlich,
  denn  nur  die  Materie  bedingt  die  Veränderung,  d.  h.  aber
auch,  er  ist  ewig.  Die  Ewigkeit  läßt  sich  auch  daraus  folgern,  daß  Gott
ohne  Bewegung  ist,  denn  letztere  hat  sowohl  einen  Anfang  als  auch
Ende  und  beides  schließt  eine  Ewigkeit  aus;  beides  setzt  aber  auch  eine
Materie  voraus.  Gott  ist  aber  die  Ursache  der  Veränderung  der  Welt
und  da  diese  stetig  vor  sich  geht,  so  ist  Gott  allgegenwärtig  und  da  sie
auch  stetig  im  ganzen  Raum  erfolgt,  so  muß  er  auch  allmächtig  sein,  d.  h.
die  Allmacht  ist  die  Voraussetzung  Gottes  als  Weltbeweger.

Gott  bewegt  die  Welt  aber  nicht  nur,  sondern  er  hat  sie  auch
geschaffen,  wie  Thomas  durch  folgendes  zu  beweisen  versucht:  Alles,
was  in  irgend  einer  Art  unvollkommen  ist,  entsteht  aus  dem,  das  in
jener  Art  das  Vollkommenste  ist.  Da  nun  alle  weltlichen  Dinge  unvollkommen
  sind,  so  haben  sie  auch  kein  wirkliches  Sein,  sondern  sie  find
nur  durch  ein  vollkommenes  Sein.  Dieses  vollkommene  Sein  ist  Gott
und  als  solcher  die  erste  Ursache,  d.  h.  der  Schöpfer  der  weltlichen
Dinge.  —  Es  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  sich  Thomas  mit  dieser
Beweisführung  etwas  im  Kreise  dreht,  denn  er  beweist  mit  der  Unvollkommenheit
  der  weltlichen  Dinge  das  Dasein  Gottes  als  deren  erste
Ursache,  die  aber  das  Geschaffensein  der  weltlichen  Dinge  ohne  weiteres
in  sich  schließt.  Er  setzt  also  gewissermaßen  voraus,  was  er  beweisen