Metadata : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

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sich  auf  die  Hinterhand  und  überlegt,  wohin  heute
Nacht?  Mißtrauisch  äugen  die  kleinen  Lichter  links
und  rechts,  die  Lauscher  bewegen  sich,  jedes  kleine
Geräusch  aufnehmend.  Der  Keiler  war  durch  andauernde
  Verfolgung  und  stete  Gefahren  gerissen  geworden.
  Der  Kartoffelschlag  gestern  war  ja  gut,
aber  ihm  zu  unruhig,  da  traten  Rehe  umher,  die
Hirsche  orgelten  am  Rande  des  Holzes,  die  Krummen
  und  Karnickel  hatten  ihn  durch  ihre  Unruhe
gaus  verdreht  gemacht,  auch  roch  es  dort  nach
Mensch,  dessen  stinkende  Spur  war  da  dicht  an
dicht.  Also  dahin  nicht!  Der  Eingänger  schnob
vor  Wul,  wie  er  an  den  Mensch  dachte.  Kaum
ließ  man  sich  blicken,  hatte  man  die  Blase  auf  der
Ferse  und  sie  spickten  einem  den  alten  Leib  mit
Bleillumpen  und  Schrot.  Ein  leises  Geräusch,  wie
von  vorsichtigen  Tritten  machte  ihn  hochfahrend.
Schrittweise  von  ihm  ab  stand  plätzlich  ein  Fuchs.
Wie  rasend  ob  der  Störung  fuhr  er  auf  den  los,
sodaß  der  Rote  vor  Schrecken  keckernd  davonrannte.
Mit  gesträubten  Borsten  sah  er  dem  Forteilenden
hach,  schob  sich  dam  ganz  aus  dem  Kessel  und
stand,  immer  noch  ärgerlich  auf  dessen  Rand.  Jal
wohin?  —  Im  Rübenschlag,  auf  der  rechten  Seite
der  Forst,  standen  einige  alte  Saateichen,  darunter
lag  früher  oft  Mast.  Wollen  mal  dort  versuchen!
Ab  und  zu  mißtrauisch  verhoffend,  stets  vorsichtig
das  dickste  Unterholz  haltend,  schob  er  sich  dort
hin.  Kurz  vor  dem  Rande  des  Feldstückes  machte
der  Eingänger  Halt,  nahm  das  Gebrech  hoch  und
brüfte  die  Luft.  Hm,  da  mußte  doch  was  brennen!
  Ein  feiner  Rauch  zog  ihm  in  die  Nüffeln
und  anders  roch  es  wie  schwelendes  Kartoffelkraut
oder  Holzfeuer  der  Arbeiter.  Teufell  die  langen
Borsten  am  s  chorwigem  Rücken  sträubten  sich  hörbar,

  da  war  auch  der  verdammte  Gestank  vom
Mensch.

So  Alterchen,  jetzt  aber  rückwärts,  was  das
Zeug  halten  will  und  hin  nach  der  dicksten  Schonung!
  Dort  steht  Pilz  und  Schwamm,  dann  nach
dem  verluderten  Hirsch  im  Bruch,  das  reicht  bis
die  Luft  zum  Feldbesuch  rein  ist  und  sättigt  vor-Fa.
  Jäger,  jetzt  sitze  und  warte,  ich  komme
nicht!

Der  Jäger  hatte  das  Schwein  brechen  gehört,
dicht  hinter  sich.  Eine  Pause  war  eingetreten,  ihm
war,  als  wenn  das  Stück  sich  rückwärts  schlug.
Noch  zwei  Stunden  saß  er,  bis  der  Mond  hinter
Wolken  verschwand  und  auf  zehn  Gänge  nichts
mehr  zu  kennen  war.  Mißmutig  brach  er  auf,  dem
Eingänger  war  nicht  beizukommen.  Müde  und  geschlagen,
  drei  Nächte  hatte  er  draußen  hinter  sich,
zog  der  Jäger  heim  zu  seinem  Bau.

Der  alte  Recke  schien  verschwunden.  Schon
glaubte  der  Jäger,  er  sei  ausgewechselt.  Da  war
der  Cingänger  am  lichten  Vormittag  in  der  Nähe
des  Eichenbestandes  den  Waldarbeitern  begegnet,
war  wütend  auf  sie  losgegangen  und  hatte  die
Leute  auf  mehrere  Meter  Klobenholz  verteilt,  die
zufällig  dort  standen.  Hiebe  mit  Knüppeln  und

Unser  Pommerland

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Sticken,  und  Stoßen  mit  den  Füßen  machten  ihn
noch  ärgerlicher,  sodaß  er  wie  wild  um  die  Holzbaufen
  tobte.  Da  er  den  Leuten  aber  nicht  beikommen
  komte,  wechselte  er  in  die  anstehende  Schonung,
  die  jungen  Fichten  zausend,  verschwand  er.

Vollmond.  Die  große  blanke  Scheibe  stand  umgeben
  von  ihren  Millionen  Sternen  am  unbewölkten
  Himmel  und  übergoß  Wald  und  Feld  mit  bleichem
  Licht.  Ließ  den  weißen  Frost  auf  Holz  und
Flar  glitzernd  machen  und  stahl  sich  in  die  dichlesten
  Schonungen,  Baum  und  Strauch,  warfen
groteske  Schlagschatten  in  die  stille  Helle.  Die
Forst  schien  leer.  Das  Wild  war  zum  Aesen  auf
die  Saaten  und  Aecker  ausgetreten,  nur  einige  verspätete
  Hasen  hoppelten  beinah  unhörbar  durchs
Unterholz,  kapriolten  vor  Uebermut  und  freuten  sich
des  Lichtes  und  der  Ruhe,  die  herrschten.

Am  Ufer  der  mit  hohen  Eichen  und  Buchen  bestandenen
  Schlucht  schnürte  ein  Juchs.  Es  roch
hier  so  frisch  nach  Has  und  Maus,  Tag  und  Nacht
bell,  da  bleibt  der  Magen  oft  leer.  In  den  Schatten
  konnte  er  seine  Jagd  möglicherweise  bequemer
haben,  wie  draußen,  wo  man  sein  Pirschen  auf
hundert  Ellen  merkte.  Dal  piepte  es  da  nicht  wenige
  Meter  weiter?  Sein  verschmitztes  Spitzbubengesicht
  schmunzelte,  die  Mäuse  waren  wegen  der
Eicheln  und  Bucheckern  hier  besonders  fett.  Nur
recht  vorsichtig,  Halt!  da  raschelt  es  —  schwapp,
weg  ist  sie.  Einmal  noch  hat  sie  gequietscht.  In
demselben  Augenblick  zuckte  er  zusammen,  äugte  mit
schiefem  Kopf  nur  eine  Sekunde  zur  nahen  Eiche
hinauf,  auf  der  ein  großer,  graugrüner  Klumpen
auf  dickem  Ast  dicht  am  Stamme  saß,  und  riß  aus
wie  Schafleder.  Verdammt!  das  war  doch  ein
Mensch,  wenn  der  Funken  gerissen  hätte,  wär  er
jetzt  in  die  seligen  Jagdgründe  gewechselt.

Der  Jäger  war  schon  seit  dem  Nachmittag  dort
aufgebäumt  und  wartete  auf  den  Keiler.  Der  mausende
  Fuchs,  der  Hirsch,  der  unter  ihm  zog,  nichi
kümmerte  er  sich  um  sie.  Nur  den  einen,  den  urigen
  Bassen  wollte  er  haben.  Die  Dorcfuhr  schlug
in  der  Ferne  Mitternacht,  er  hörte  sie  die  erste  und
zweite  Stunde  rufen,  der  Keiler  kam  nicht.  Schwer
wurden  ihm  die  Lider  vom  vielen  Wachen,  seine
Glieder  schauerten,  wenn  ein  Frost  den  Körper
überlief,  doch  geduldig  saß  er.  Leise  knarrte  der
Strick,  mit  dem  sich  der  Jäger  angebunden,  wenn
er  sich  auf  seinem  unbequemen  Hochsitz  zurechtschob.
  So  vorsichtig  tat  er  es,  daß  der  Ast  kaum

merklich  zitterte.  Er  kannte  das  scharfe  Gehör  des
Keilers.

Jetzt  schlägt  es  drei.  Der  letzte  Schlag  war
verklungen,  als  er  ein  fernes  Knacken  vernahm.

Ist  es  Rotwild,  oder  ist  der  es,  der  ihn  viele
Nächte  nicht  schlafen  ließ,  an  den  er  immer  denrt!
Wieder  knackt  und  bricht  es,  doch  schon  näher.  Noch
ist  nichts  zu  sehen,  die  Stämme  stehen  stellenweise
zu  dicht,  auch  lassen  die  Schatten  in  weiterer  Entfernung
  nicht  genaueres  erkennen.  Die  Büchse  liegt
bereit  auf  den  Knien,  die  Augen  tränen  vor  An-