hervortreten lassen, nicht zum Zwecke eines ÄAngriffes auf England,
woran niemand denkt, und was übrigens unausführbar ist, sondern einzig
zur eigenen Verteidigung. Deutschland kann auf dem Kontinente nur
durch Frankreich oder Rußland angegriffen werden. Im Falle eines
Konfliktes mit ihnen wird sich das Kriegsschicksal durch die Landheere
entscheiden, und eine Seeschlacht wird, auf welcher Seite auch der Sieg
sei, keinerlei Einfluß auf die Friedensbedingungen ausüben. England
allein ist also eine Gefahr für Deutschland und nötigt es, eine Flotte zu
unterhalten, deren Größe über die Notwendigkeiten hinausgeht, seine
Handelsinteressen in den exotischen Ländern zu schützen. Unglücklicherweise
ist die Haltung nicht allein der englischen Presse, sondern auch die
der englischen Minister nur dazu angetan, dieses Mißtrauen zu nähren.“
„Die Öffentliche Meinung (in Deutschland)‘, heißt es in einem späteren
Berliner Berichte vom 2. Dezember 1905!), „ist tatsächlich recht pessimistisch.
Von allen Seiten außerhalb der amtlichen Kreise hört man
von einem englischen Angriffe als von einer Sache sprechen, die in einer
mehr oder weniger entlegenen Zukunft sicher sei.‘
Anläßlich der vom Fürsten Bülow im Reichstage anfangs Dezember
gehaltenen Rede legt Baron Greindl seine Auffassungen von Deutschlands
Stellung zur Kriegsfrage ausführlich dar?). ‚Die ungeheuere Mehrheit
der Nation würde einen Krieg nur annehmen, wenn sie durch einen Angriff
dazu gezwungen würde. Sie ist mit der politischen Teilung Europas
zufrieden, strebt nicht nach Erwerb neuen Gebietes und wünscht nicht,
durch Abenteuer aufs Spiel zu setzen, was sie schon besitzt. Man könnte
sogar sagen, daß dies die Ansichten aller Deutschen ohne Ausnahme
sind. Die geringfügige Gruppe der Alldeutschen ohne Ansehen und Einfluß
braucht man wirklich nicht zu rechnen. Sie macht nur durch ihre
Broschüren und Zeitungen einen gewissen Eindruck im Auslande; letztere
geben ihr den Anschein einer Bedeutung, die sie nicht besitzt.‘ Nur
Bebel hatte in seiner großen Rede gegen die Vermehrung der Flotte
gesprochen, die England herausfordere und Deutschlands Sicherheit vermindere,
statt sie zu stärken.
1906
Das bei so bewölktem politischen Himmel beginnende Jahr 1906
mit der Algeciras-Konferenz zeigt überall in der großen Politik die gespannteste
Tätigkeit. Rüstungen und Mißtrauen überall. „Aber“,
bemerkt der belgische Gesandte zu Paris am 16. Januar 1906°), indem
er eine leichte Entspannung feststellen zu können glaubt, ‚es scheint
nicht, daß Deutschland, wenn der Grundgedanke seines Denkens der
Krieg gewesen wäre, bis heute gewartet haben würde, um aus der Schwäche
Frankreichs Nutzen zu ziehen, dem die Zeit für den Ausbau seiner Ver-1)
Bd. II, S. 92ft.
2?) Berlin, 11. Dezember 1905, Bd. II, S. 9495.
s) Bd. II, S. 101ff.
118