Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

FErantreich.  (Juni  13.—15.)  415

iollen  weiterhin  durch  vorläufige  Kredite  sichergestellt  werden.  Unter  den
vom  Finanzminister  geplanten  neuen  Steuern  befindet  sich  eine  Steuer
von  eins  vom  Tausend  auf  Zahlungen  im  Handelsbetriebe,  die  50  Mill.  Fr.
erbringen  soll.  Eine  Steuer  auf  Aufwendungen  im  Privathaushalt,  abgejehen
  von  Ernährung,  Heizung,  Beleuchtung  und  Miete,  soll  sich  auf
fünf  Proz.  für  Kleidung,  Mobiliar  usw.  und  auf  zehn  Proz.  für  Luxusausgaben
  belaufen  und  450  Mill.  Fr.  bringen.  Ein  Gesetzentwurf  führt
eine  Erbschaftssteuer  bei  Antritt  des  Erbes  und  eine  jährliche  Abgabe  auf
den  Wert  der  Erbschaft  während  des  Lebens  des  Erben  ein.  Der  Minister
schlägt  noch  die  Erhöhung  der  Erbschaftssteuer  für  den  Fall  vor,  daß  nur
ein  Erbe  vorhanden  ist,  ferner  die  Aenderung  der  Portofreiheit  der  Soldaten,
  die  Erhöhung  der  Eisenbahntarife,  die  Aenderung  oder  Ausgleichung
gewisser  bestehender  Abgaben,  hauptsächlich  auf  Kriegsgewinne  und  gerichtlicher
  Beurkundungen,  und  sieht  endlich  Maßnahmen  gegen  betrügerische
Umgehungen  der  Steuern  vor.  "

13.  Juni.  (Paris.)  Ankunft  des  amerik.  Generals  Pershing
mit  dem  Gr.  Hauptquartier  der  1.  amerik.  Armee  für  Europa.

14.—15.  Juni.  (Kammer.)  Thronwechsel  in  Griechenland.
Budgetprovisorium.

Ministerpräsident  Ribot  gibt  der  Kammer  Erklärungen  über  das
Vorgehen  der  Regierung  in  Griechenland.  Er  erinnert  daran,  daß  die
Schutzmächte  nach  dem  Vertrag  von  1864  verpflichtet  seien,  eine  verfassungsmäßige
  Regierung  in  Griechenland  sicherzustellen,  und  fährt  fort:  Frankreich
  und  England  stimmten  vollkommen  darin  überein,  daß  die  verfassungsmäßige
  Wahrheit  verletzt  worden  war.  König  Konstantin  konnte  nicht  damit
beauftragt  werden,  sie  wieder  in  Kraft  zu  setzen,  und  ein  neuer  Versuch
würde  vergeblich  gewesen  sein.  Die  Schutzmächte  waren  darum  gezwungen,
einzuschreiten,  um  die  griech.  Verfassung  ihrem  wahren  Geiste  nach  wiederherzustellen.
  R.  rühmt  sodann  Venizelos  (Beifall)  und  Jonnart,  der  von
Frankreich,  England  und  Rußland  auserwählt  worden  sei,  und  fügt  hinzu:
Man  hatte  uns  für  den  Fall,  daß  wir  nach  Griechenland  gingen,  mit  einer
großen  Gefahr  gedroht,  das  heißt,  wenn  wir  unsere  Pflicht  erfüllten.  Wir
sind  nach  Griechenland  gegangen.  Wir  konnten  unsere  Pflicht  nicht  verabsäumen.
  Abgesehen  von  einem  vereinzelten  Zwischenfall  in  Larissa  hat
sich  kein  bedauerliches  Ereignis  zugetragen.  Die  Abdankung  des  Königs,
sagt  Ribot,  hat  in  der  ganzen  Welt  den  besten  Eindruck  gemacht.  Jonnart
zeigte,  daß  die  Alliierten,  wenn  sie  eng  verbunden  sind,  in  der  Lage  sind,
ihre  Verpflichtungen  einzuhalten  nicht  nur  gegenüber  dem  einigen  Griechenland,
  sondern  auch  gegenüber  allen  Mächten  und  schließlich,  daß  das  beste
Mittel,  die  Unverschämtheit  niederzuwerfen  und  die  deutschen  Manöver  zu
bekämpfen,  darin  bestehe,  mit  Entschlossenheit  vorzugehen.  Eine  andere
Stärkung  kommt  aus  den  Ver.  Staaten.  (Lebh.  Beif.)  Er  begrüßt  den
in  der  Diplomatenloge  anwesenden)  General  Pershing  und  den  amerik.
Botschafter  Sharp.  (Anhalt.  Beif.)  Präsident  Wilson  habe  in  seiner  Botschaft
  an  die  russische  Regierung  die  Frage  gut  gestellt  und  wir  sind  alle
einmütig  in  unserer  Antwort  an  ihn.  Nein,  wir  werden  nicht  nachgeben
und  wir  werden  siegen!  (Lebh.  Beifall  auf  allen  Bänken.)

Hierauf  berichtet  Justizminister  Viviani  über  die  Aufnahme  der
franz.  Abordnung  in  den  Ver.  Staaten:  Amerika  ist  mit  dem  Gedanken  in
den  Krieg  eingetreten,  daß  es  keinen  Frieden  ohne  Sieg  gibt.  Das  muß
auch  unser  Gedanke  sein.  Amerika  wird  bis  zum  Aeußersten  gehen,  indem
es  uns  eine  dauernde  Mitarbeit  leistet.  Die  Pflicht  ist  heute  einfach  und