Vorbericht.
Offentliche Speisungen und Ernährungsverhältnisse der
Volksschuljugend in den Städten des Deutschen Reiches.
Von Dozent Dr. med. J. Kaup.
Einleitung.
Das Ernährungsproblem für die Bgen steht heute im Vordergrunde
sozial-hygienischen Interesses. Für das Deutsche Reich ist das
nächste Ziel die Bekämpfung der noch unverhältnismäßig großen Säuglingssterblichkeit.
Mit dieser Aufgabe ist zugleich in dem Bestreben
nach allgemeiner Wiedereinführung und Ermöglichung des Selbststillens
ein Teil der Entartungsfrage aufgerollt. ber das Säuglingsalter
hinaus ist jedoch für diese Frage noch wenig Interesse vorhanden. In
England hingegen steht seit 1903 das Entartungsproblem und im Zusammenhange
hiermit die Ernährungsfrage mitten in der öffentlichen
Diskussion. Rückgang der Tauglichkeitsziffern für den Militärdienst in
den Städten und zuch auf dem Lande, Absinken der ehelichen Fruchtbarkeitsziffern
in den rassetüchtigen Ständen, die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten
und der Trunksucht, die Ernährungsfrage für die
notleidende Jugend der Fabrikbevölkerung sind die vielbesprochenen
Teilfragen, die eine Reihe von Regierungsmaßnahmen bereits ausgelöst
haben. Das erste Objekt derselben war die Schülerspeisungsfrage.
Die Entwicklung und der Stand dieser Frage in Deutschland, deren
Lösung in England und in kurzen Umrissen auch in anderen Ländern
sollen in den folgenden Abschnitten geschildert werden.
Die Frage der Fürsorge für arme Schulkinder durch Speisungen
ist im Deutschen Reiche vor jetzt 20 Jahren ganz unabhängig von
der Entwickelung dieser Art von Fürsorge im Auslande, zum ersten
Male öffentlich besprochen worden. Stadtrat Röstel-Berlin erstattete
im Jahre 1889 in Cassel auf der Jahresversammlung des
Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit ein Referat
über den Stand der Ferienkolonien, hob hierbei die guten gesundheitlichen
Wirkungen eines, wenn auch nur kurzen Land= oder Seeaufenthalts
für schwächliche Schulkinder bei einfacher, aber richtiger
Ernährung hervor, bedauerte aber zugleich das schnelle Schwinden des
Erfolges nach Rückkehr dieser Kinder in die alten trostlosen Verhältnisse
der Familie. Er folgerte, daß die Gesellschaft sich auch über die
Schriften d. Zentralstelle f. Bolkswohlfahrt. N. F. Nr. 4. 1