Das denlsche Reich und seine eiujeluen Glieder. (Febr. 20-22.) 87
einmal der sehr naheliegende, daß es darauf ankomme, der deutschen Industrie
auch auf dem französischen Markte diejenige günstige Behandlung zu erwirken,
welche Frankreich den Erzeugnissen Großbritanniens zugestand; der zweite
Grund war die bei der preußischen Regierung eingewurzelte üeberzeugung,
ß eine Revision des Zolltariks absolut nothwendig sei. Die prenßische Re-
7*r7 hatte sich seit dem Jahr 1854 auf allen Generalconferenzen vergeb-
ich bemüht, eine Ermäßigung der Zollvereinstarissähe namentlich für Eisen
herbeiguführen. Sie scheiterte an der Nothwendigkeit allseitiger Ueberein=
stimmung, die ich heute allerdings als etwas vorzügliches habe rühmen hören.
Preußen erwog in der Zwischenzeit, ob es nicht den Vereinsregierungen einen
hanz neuen Tarif vorlegen sollte. Die erwähnte Immediatcommission wurde
nicht eingesetzt zum Zweck eines Programms für den Vertrag mit Frankreich,
sondern in den Jahren 1855 und 1856, als man an diesen noch nicht dachte.
Sie ging hervor aus der ZInitiative Friedrich Wilhelms 1IV, der persönlich
lebhaft von der Nothwendigkeit einer Ermäßigung des Jollbereinstarifs mit
Frankreich durchdrungen war. In dieser Commission mußle ich mich nach
den Instructionen meines damaligen vorgesetzten Ministers gegen diesen Schritt
aussprechen, weil von anderen Seiten zu weil gehende Vorschläge für die
Ermäßigung gemacht wurden und weil hauptsächlich damals daraus nur eine
allgemeine Verstimmung aller Zollvereinsregierungen gegen die preußHische ge-
folgl wäre. Dieser Schritt ist auch dann nicht geschehen. Als wir die Ver-
handlungen mit Frankreich begannen, bietten wir zugleich die Revision des
Zollvereinstarifs für nöthig, und ließen die Jollvereinbregierungen darüber
keinen Augenblick im Zweifel. Wir berichteten nach jeder der drei Lesungen
umfassend, und führten gleich im ersten Bericht aus, daß der auf dem allen
preußischen beruhende Zolltarif, der einst sehr wohlthälig war, nach den im
übrigen Europa erjolgten Veränderungen nicht mehr zu halten sel. In Eng-
land und Oesterreich war die Zollgesehgebung verändert und in Italien der
Zoll niedriger als der im Zollverein geltende. Auch die Zwingburgen des
alten Abschlußsystems, Frankreich und Belgien, waren im Begriff, zu einem
freieren System überzugehen. Von dieser innerlich begründeten Bewegung.
sich fernzuhalten wäre für den Zollverein nur verderblich gewesen. "Diese
unsere Ansicht wurde damals von sämmtlichen Vereinsregierungen getheilt.
Später gingen die Ansichten nur über das Maß dessen aus einander, was
durch den neuen Tarif zu erstreben sei. Mit dem Monem des Abschluffes
s Vertrages mit Frankreich wurde die Sitnation politischer. Die damalige
österreihiscke Regierung hielt es für zweckmäßig, gegen diesen Vertrag einen
regelrechten Feldzug zu eröffnen, gegen den wir uns zu vertheidigen hatten.
Ich betone das ausdrücklich nochmals, um zu constatiren, daß zwischen dem
was ich jeyt sage und dem, was der Reichskanzler gestern gesagt hat, keiner-
lei sachliche Verschiedenheit besteht. Er hat von dem Zeitpunkt gebrachen
wo er in den bereits eröffneten politischen Kampf eintrat; ich habe mich
zunächst mit dem Zeitpunkt zu beschäftigen gehabt, wo ein 17 Kampf
noch nicht ausgebrochen und uns sehr fern war. Die Zölle, die wir in dem
Vertrage von 1862 an Frankreich zugestanden haben, und die in den Tarif
von 1865 übergegangen — büben damals in den Kreisen der Betheiligten
maucherlei Bedenken gefunden, die aber in dem Maße geschwunden find, als
der Vertrag zur Ausführung und Volljiehung kam. Ich will jeht mit einigen
Worten auf die Resultate des Vertrags hinweisen, und zwar sollen die Zahlen
die ich mittheilen werde, den Durchschnitt der fünf Jahre, welche dem Tarif
von 1865 vorangingen, also der Jal re 1800 bis 1804, begreifen, und fodaem
den Durchschnitt der lehten fünf Nhrre mit 7 sötns des Jah er 1 878,
also die Periode, welche der Abg. v. Kardorff als die Periode des wirth-
schaftlichen Rückganges bezeichnete. Im eh der fünf Jahre 1860/64