42 Viertes Kapitel.
deutungsvolle Augenblick in ihr wachrief, zu ihren fürstlichen Knaben
ergreifenden Ausdruck; auch deren Erzieher standen dabei.
„Ihr seht“, sprach die Königin weinend, „ihr seht mich in Thränen.
Ich beweine das schwere Geschick, das uns getroffen hat. Der König
hat sich in der Tüchtigkeit seiner Armee und ihrer Führer geirrt, und
so haben wir unterliegen sollen und müssen flüchten. Ich sehe“, fuhr
sie, von Schmerz gebeugt, langsam fort, „ein Gebäude an einem Tage
zerstört, an dessen Erhöhung große Männer zwei Jahrhunderte hindurch
gearbeitet haben. Es giebt keinen preußischen Staat, keine preußische
Armee, keinen Nationalruhm mehr.“
„Ach, meine Söhne“, richtete sie den Blick von der traurigen Gegen—
wart auf die Zukunft, auf die Hoffnungen und Pflichten, welche diese in
sich barg, „ihr seid in dem Alter, wo euer Verstand die großen Ereignisse,
welche uns jetzt heimsuchen, fassen und fühlen kann. Ruft künftig,
wenn eure Mutter nicht mehr lebt, diese unglückliche Stunde in euer Gedächtnis
zurück. einet meinem Andenken Thränen, wie ich sie in
diesem Augenblicke dem Umsturz unfres HDaterlandes weine. Aber begnügt
euch nicht mit Thränen allein! Handelt, entwickelt eure Kräfte!
Vielleicht läßt Dreußens Schutzgeist sich auf euch nieder. Befreit dann
euer Dolk von der Schande, dem Dorwurf und der Erniedrigung, worin
es schmachtet! Suchet den jetzt verdunkelten Ruhm eurer Dorfahren von
Krankreich zurückzuerobern, wie euer Urgroßvater, der Große Kurfürst,
einst bei Fehrbellin die Tiederlage und die Schmach seines Daters an den
Schweden rächte.
„Lasset euch, meine Hrinzen, nicht von der Entartung dieses Seitalters
hinreißen! Werdet Männer und geizet nach dem Ruhm großer
Feldherrn und Helden! Wenn euch dieser Ehrgeiz fehlte, so würdet ihr
des Namens von Hrinzen und Enkeln des Großen Friedrich unwürdig sein.
Könnt ihr aber mit aller Anstrengung den niedergebeugten Staat nicht
wieder aufrichten, so sucht den Tod, wie ihn Hrinz Louis gesucht hat.“
Gewiß haben die Worte der schmerzbewegten königlichen Wutter
auf die Berzen der beiden jungen Hrinzen einen unausläöschlich tiefen
Eindruck gemacht; und DOrinz Wilhelm war es, der sie weit über das
Denken und Hoffen der Königin hinaus zur Wahrhbeit machen sollte.
Von Schwedt aus reisten die Hrinzen mit der Königin nach Stettin.
Hier wagte es der Geheime Kabinettsrat Lombard sie zu begrüßen.
Aber sofort befahl die Königin dem Hlatzmajor, den Mann, den, weil er
sich stets den Franzosen zugeneigt hatte, die öffentliche Meinung als einen
Verräter bezeichnete, in Haft zu nebmen.