Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1899. (76)

Nun  werden  die  Kandelaber  auf  dem  Altartisch  angezündet,
aber  draußen  hat  jetzt  der  Tag  gesiegt,  und  das  Gesicht  der  heiligen
  Helena  erstrahlt  hell  und  rein  vor  aller  Augen.  Ihre
Lippen  umspielt  ein  Lächeln  voller  Milde  und  Güte  und  sie,  die
Freundin  der  Wehrlosen  und  Leidenden,  scheint  mit  Freude  so
viel  würdige  Schwestern  und  Brüder  um  sich  zu  sehen,  die  ihre
besten  Kräfte  den  verwundeten  und  sterbenden  Soldaten  weihen.

Der  Gottesdienst  war  zu  Ende,  und  mein  Franziskanerbruder
führte  mich  in  den  Säulengang,  wo  die  Schwestern  Kaffee  mit
feinem  Weizenbrot  und  Marmelade  boten.  Hier  verbrachten
wir  bis  zum  Abschied  eine  angenehme  Stunde.

½10  Uhr  fand  der  protestantische  Feldgottesdienst  statt.  Das
Gotteshaus  war  eine  Straßenecke  unter  freiem  Himmel,  ein
sichrerer  Platz  als  das  offene  Feld  vor  der  Stadt,  wo  eine  große
Menschenmasse  immer  ein  dankbares  Ziel  für  die  Bomben  der
französischen  Flieger  abgäbe.  Einige  hundert  Soldaten  und  etwa
fünfzig  Offzziere  waren  zur  Stelle.  Ein  Oktett  der  Regimentsmusik
  blies  einen  Choral  —  wir  kannten  ihn  nur  zu  gut:  „Ein'
feste  Burg  ist  unser  Gott“  —  und  die  Kriegsleute  stimmten  mit
starken,  frischen  Stimmen  ein.

Dann  trat  auf  der  untersten  Stufe  einer  Steintreppe  der
junge  Pastor  Marguth  aus  Hessen  hervor.  Er  trug  einen  schwarzen
Rock  und  um  den  Arm  eine  weißviolette  Binde  wie  alle  Geistlichen
  der  Feldarmee.  Er  sprach  im  Anschluß  an  den  Römerbrief
über  die  Kraft  des  Evangeliums,  und  kam  damit  auf  die  welthistorischen
  Ereignisse,  die  aller  Gedanken  erfüllten.  Er  sprach
von  der  unwiderstehlichen  Kraft  eines  Volkes,  das  in  solchen
Zeiten  einen  Herrscher  hat,  der  in  Wahrheit  ein  Führer  ist.  Der
Kaiser  habe  alles  getan,  um  den  Krieg  zu  vermeiden;  er  habe
den  Frieden  gewollt,  aber  da  er  zum  Krieg  gezwungen  worden  sei,
habe  er  auch  gewußt,  wo  sein  Platz  sei,  und  was  das  Volk  von
ihm  verlangen  konnte.  Und  im  Vertrauen  auf  dieses  Volk  habe  er
nicht  gezaudert,  für  Deutschlands  Existenz  und  Zukunft  loszuschlagen.

Pastor  Marguth  sprach  vom  Pflichtgefühl  des  Volkes  als  der

Oedin.  Ein  Bolk  in  Waffen.  ¾l  113