Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

II.  Die  deutsche  Frage  und  die  Heeresreorganisation.  353

werde  dem  Frieden  förderlicher  sein,  als  wenn  es  mit  völliger
Sicherheit  auf  Preußens  Hilfe  rechnen  könne.  Unmöglich,  so
bemühte  er  sich  in  Berlin  begreiflich  zu  machen,  könne  Preußen
am  Bundestage  dauernd  im  Stande  der  Notwehr  bleiben  und
werde  bessere  Zustände  am  ersten  herbeiführen,  wenn  es  den
thatsächlichen  Beweis  dafür  liefere,  daß  ohne  sein  Einverständnis
der  Bund  überhaupt  nichts  zu  leisten  vermöge.  Er  that  dar,
daß  Preußen  in  Frankfurt  lediglich  auf  das  Gewicht  seiner
eigenen  Macht  angewiesen  sei  und  auf  die  Kräfte,  welche  ihm
die  Kraft  seiner  eigenen  Entschlüsse  verleihen  werde.  Ihm
selbst  war  bereits  die  Erkenntnis  aufgegangen,  daß  die  Inter—
essen  des  Deutschen  Bundes  und  die  deutsch-nationalen  Interessen
  nicht  identisch  seien,  und  ihre  landläufige  Identifizierung
klar  geworden  als  eine  Fiktion,  die  Preußen  zerstören  müsse,
weil  sie  den  der  nationalen  Idee  in  Deutschland  eigenen
Nimbus  in  den  Dienst  seiner  Gegner  stelle.  Er  sah  in  dem
Bunde  längst  nichts  mehr  als  eine  Anstalt  zur  äußeren  und
inneren  Sicherheit  des  Bundesgebietes  und  wollte  ihm  eine
andere  Bedeutung  in  Zukunft  nicht  zugestanden  wissen,  damit
der  Irrtum  endlich  aus  der  Welt  geschafft  werde,  daß  Preußens
Gesinnung  gegen  Deutschland  nach  seiner  Fügsamkeit  gegen
die  Beschlüsse  der  Mehrheit  der  Bundesversammlung  bemessen
werden  müsse.  Bei  dem  Fortgange  nach  Petersburg  faßte  er
das  Ergebnis  seiner  Frankfurter  Erfahrungen  kurz  dahin  zusammen:
  „Ich  sehe  in  unserem  Bundesverhältnis  ein  Gebrechen
Preußens,  das  wir  früher  oder  später  ferro  et  igni  werden
heilen  müssen.“

So  weit  war  man  in  Berlin  natürlich  noch  nicht,  aber
ein  ähnliches  Ziel,  nur  weniger  scharf  umrissen  und  bestimmt
ins  Auge  gefaßt,  schwebte  doch  auch  dem  Prinzregenten  bei
der  Haltung  vor,  die  er  infolge  des  italienischen  Krieges,  den
Bismarck  gern  ganz  anders  benutzt  gesehen  hätte,  Oesterreich
und  dem  Bunde  gegenüber  einnahm.  Jedenfalls  griff  er  auch
nach  Abwendung  der  Gefahr  den  eigentlichen  Kernpunkt  der
deutschen  Frage  mit  größerem  Nachdruck  auf  als  bisher,  indem
  er  die  endliche  Neuordnung  der  Bundeskriegsverfassung

betrieb  und  den  Antrag  stellte,  von  den  Bundescorps  die
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