Contents : Der Betrug am deutschen Volke.

Waͤhlerreife.  101

sei  nur  mit  dem  Beelzebub  Mehrheitssozialismus  auszutreiben  oder  zu  verhüten,
und  gab  deshalb  seine  Stimmen  für  den  letzteren  ab.  Die  unreifen  Massen  unserer
Gebilderen  haben  schon  von  jeher  immer  jede  Regierung  unterstützt,  nur  weil
e  die  „Regierung“  war,  und  „man“  als  gebildeter  Staatsbürger  die  Regierung
stutzt;  Bethmann  konnte  sich  nur  so  lange  im  Amte  halten,  weil  ihm  diese
braven  Leute  stets  auf  den  plumpen  Bauerntrick  der  Drohung  hereinfielen,  seine
Rachfolgerschaft  werde  noch  viel  schlimmer  sein.  Aber  einen  die  schiefe  Ebene
inabgleitenden  Wagen  hält  man  nicht  auf,  wenn  man  seinen  unfähigen  Kutscher
ermuntert  und  hinten  am  Wagen  nachdrückt,  sondern  nur,  wenn  man  den
utscher  herunterreißt  und  den  Wagen  wendet.  Auf  die  andere  Weise  kam
Deutschland  von  einer  schlechten  konservativen  Regierung  zu  einer  schlechten  nakionalliberalen,
  von  da  zu  einer  freisinnigen,  von  da  zu  einer  sozialdemokratichen,
  und  wird  noch  zu  einer  bolschewistischen  kommen,  wenn  in  dieser  Art  Regierungs,#reue“
  fortgefahren  wird.  Verschwindend  dürfte  jene  Anzahl  sozialdemofatischer
  Wähler  sein,  welche  mit  den  politischen  Gedankengängen  und  Endzielen  der
Dozialdemokratie  einigermaßen  vertraut  sind  und  sich  aus  „politischer  Uberzeugung“
in  der  Wahl  als  Sozialdemokraten  bekannten.
Sehr  vielfach  wurde  diesmal  auch  auf  dem  Lande  sozialdemokratisch  gewählt,
und  zwar  aus  demselben  Grunde,  dem  auch  der  den  Sozialdemokraten  nahestehende
aherische  Bauernbund  seine  großen  Erfolge  verdankte.  Die  reifen  Bauern  faßten
nämlich  die  sozialdemokratischen  und  bauernbündlerischen  Verheißungen  von  der  Aufbung
  der  Fideikommisse  und  der  Verteilung  des  Großgrundbesitzes  so  auf,  als
sich  nun  jeder  von  ihnen  aus  dem  nächstgelegenen  großen  Gut  einige  schöne
Stücke  aussuchen  und  in  Besitz  nehmen  dürfe,  wenn  nur  erst  einmal  die  Sozialiiokraten
  und  die  ihnen  nahestehenden  Bauernbündler  die  Herren  im  Lande
ären.

Anm  einfachsten  liegen  die  Gründe  bei  den  Wahlen  von  Unabhängigen  Sozialisten
  und  Kommunisten.  Hier  ist  der  Beweggrund  einfach  das  „Auchhabenwollen“,
das  schon  Kinder  von  8—ro  Monaten  deutlich  zu  erkennen  geben.  Wenn  der  Erwachsene
  seine  Jeitung  liest,  greist  das  Kind  auch  danach  und  hält  sie  sich  vor  die
ase;  schreibt  er,  so  greift  es  nach  dem  Federhalter;  ißt  er,  will  es  den  Löffel  haben.
er  Kommunistenwähler  möchte  auch  einmal  Minister  sein,  auch  einmal  mit  seiner
kausgeputzten  Frau  in  die  große  Oper  gehen,  auch  einmal  mit  dem  Auto  durchs
and  reisen,  auch  einmal  in  Restaurants  mit  Marmorsäulen  Kaviar  und  Austern
essen.  Bringt  ihn  eine  Revolution  in  eine  solche  Lage,  so  hat  er  davon  so  viel
wirklichen  Genuß  wie  das  Kind  vom  Federhalter  oder  von  der  Jeitung.

Der  Sozialdemokratie  zunächst  steht  die  Demokratie;  ihre  Wähler  unterliegen
daher  auch  größtenteils  ähnlichen  Beweggründen.  Eine  heftige  innere  Abneigung  gegen
Fürsten,  Adel,  Rittertum  und  Uniform  verbindet  sie  mit  der  Sozialdemokratie
gegen  die  Einrichtung  der  Monarchien  überhaupt;  es  gibt  nicht  nur  Taglöhner,
sondern  auch  Geheimräte  und  Kommerzienräte,  welche  schon  dem  Baron  seinen
Baronstitel  schlechterdings  nicht  verzeihen  können.  Die  Leute  halten  sich  —  häufig
mit  vollem  Recht  —  für  ebensoviel  wert  oder  für  viel  mehr  wert  als  soundsoviele
Barone,  Grafen  und  Prinzen  oder  Generäle  aus  alten  Offiziersgeschlechtern,  und
glauben  mit  Demokratie  und  der  Abschaffung  aller  Geburtsvorrechte  in  eine  Reihe
mit  ihnen  zu  rücken.  Sie  verkennen  dabei  das  tiefere  Wesen  des  Adels;  wenn  der
gräfliche  Gutsherr  guter  und  nicht  entarteter  Adel  ist,  werden  er  und  seine  Nachommen
  auch  nach  der  Adelsablegung  unter  ihren  Bauern  immer  größeres  An-