Full text : Grundzüge der Verfassung des Deutschen Reiches. (1906)

2  I.  Die  Gründung  des  Norddeutschen  Bundes  u.  des  Deutschen  Reiches.

v.  Stein,  entworfen  wurden,  unausführbar  waren  und  selbst  unausführbar
  gewesen  wären,  wenn  die  Staatsmänner  Osterreichs
und  der  Mittelstaaten  von  deutscher  Gesinnung  erfüllt  gewesen
wären,  was  sie  freilich  nicht  waren.  Die  Hindernisse,  die  sich
der  Verwirklichung  dieser  Verfassungspläne  entgegenstellten,
waren  innere  und  äußere.  Sie  ergaben  sich  aus  der  politischen
Gesinnung,  wie  sie  in  dem  größten  Teile  des  deutschen  Volkes
herrschte,  sie  ergaben  sich  aus  der  Gestaltung  der  deutschen
Staaten  wie  aus  dem  Verhältnisse  Deutschlands  zu  den  europäischen
  Großmächten.

Die  Lieder  und  Gesänge  der  Freiheitskriege,  die  Bestrebungen
  einer  kleinen  Zahl  von  Patrioten,  die  Ideale,  die
der  Jugend,  vor  allem  der  studierenden  Jugend,  der  Burschenschaft,
  vorschwebten,  sie  dürfen  darüber  nicht  täuschen,  daß  die
politische  Gesinnung  der  großen  Masse  des  Volkes  in  den  ersten
Jahrzehnten  des  19.  Jahrhunderts  eine  partikularistische  war.
Die  geschichtliche  Entwicklung  hatte  zu  einer  Zersplitterung
Deutschlands  in  zwei  europäische  Großmächte  und  zahlreiche
mittlere  und  kleinere  Staaten  geführt,  die  zum  großen  Teil
in  sehr  willkürlicher  Weise  gebildet  waren.  So  unergquicklich
und  armselig  die  rechtlichen  und  politischen  Zustände  in  diesen
Staaten  und  Stätchen  vielfach  waren,  die  Bevölkerung  hatte
sich  doch  in  sie  eingelebt  und  wollte  sie  nicht  um  den  Preis
der  Selbständigkeit  des  Staates  aufgeben.  Ein  Teil  der
Gebildeten  schwärmte  für  die  Idee  der  deutschen  Einheit.
Niemand  aber  wollte  die  berechtigten  und  unberechtigten  Eigentümlichkeiten
  des  engeren  Vaterlandes  missen.  Der  Preuße
fühlte  sich  als  Preuße,  der  Sachse  als  Sachse,  der  Bayer  als
Bayer  und  erst  in  weitem  Abstand  hiervon  als  Deutscher.
Nur  langsam,  nur  nach  bitteren  Erfahrungen  und  Demütigungen
faßte  in  der  Masse  des  Volkes  die  Überzeugung  Wurzel,  daß
die  höchsten  Interessen  der  Nation  das  Opfer  des  Partikularismus
  forderten,  daß  die  deutschen  Staaten  in  ihrer  Vereinzelung
die  großen  Aufgaben,  die  die  Gegenwart  dem  Staate  stellt,
nicht  erfüllen  können  und  daß  sie  den  politischen  und  wirtschaftlichen
  Interessen  auch  außerhalb  der  deutschen  Grenzen
Anerkennung  und  Schutz  nicht  zu  gewähren  vermögen.  Die
geistige  Einheit  in  Wissenschaft  und  Kunst  konnte  keinen  Ersatz
für  den  Mangel  politischer  Einheit  und  Macht  bieten.  Den
Partikularismus  galt  es  zu  überwinden,  ehe  die  Errichtung