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Gewisse Unklarheiten über Rußland bleiben auch in der belgischen
Berichterstattung der nächsten Zeit bestehen. Soviel scheint aber auch
den Belgiern sicher, daß Rußland nicht geneigt ist, eine völlige Vernichtung
Frankreichs zuzulassen, da eine solche auch Rußlands Machtstellung
gefährlich werden und seine Orientpolitik durchkreuzen könnte!), und
daß daher die zwischen dem deutschfreundlichen russischen Außenminister,
v. Giers, und dem Fürsten Bismarck getroffenen Abmachungen
nicht eine so große Tragweite besäßen, wie man geneigt sei, ihnen zuzusprechen.
Rußland laviere und warte die Entwicklung der Dinge im
Westen ab, Berlin aber fühle sich Rußlands doch nicht sicher genug,
um sich durch die Militärpartei in einen deutscherseits für unabwendbar
gehaltenen Krieg hineinziehen zu lassen. — Damals schon also sprach man
von einer deutschen Militärpartei und ihren Absichten eines Präventivkrieges.
Hierbei ist aber von vornherein zu beachten, daß Bismarck
allen diesen Erwägungen gegenüber unzugänglich geblieben ist und den
Krieg gegen Frankreich zu jener für Deutschland günstigen Zeit eben
doch tatsächlich nicht entfesselt hat. —
Seine. Sorge vor einer französisch-russischen Allianz bildete den
Angelpunkt seiner Politik. Frankreichs Botschafter in Berlin, Herbette,
benutzte jede Gelegenheit, um ein solches Bündnis als zweifelhaft erscheinen
zu lassen. „Er muß wissen,‘‘ meint der Berliner Gesandte am
25. Februar 18872), „daß das geringste Zeichen eines solchen Einverständnisses
für den Kanzler eine Quelle der Empörung ist. Schon Lord Ampthil
hatte festgestellt, daß der Kanzler jedesmal eine Nervenattacke bekam,
wenn er nur in einem Zeitungsartikel die Namen Rußland und Frankreich
beieinander sah.“ Über die innersten Absichten des Kanzlers befand sich
der Gesandte im Zweifel. Entweder er beabsichtigte, Rußland durch
weites Entgegenkommen auf dem Balkan und selbst am Bosporus von
einem Bündnis mit Frankreich abzuhalten, oder aber, was dem Belgier
wahrscheinlicher schien, als Gegengewicht gegen den gefürchteten Zweibund
Österreich-Ungarn, England, Italien, Rumänien und die Türkei
mit den Balkanstaaten in einer Liga zu vereinigen?). Ob ein Zusammengehen
Englands mit Österreich-Ungarn zu jener Zeit möglich gewesen
wäre, scheint dem Gesandten zweifelhaft. Ein vom Lord Salisbury in
dieser Richtung gemachter Vorstoß in Wien war gescheitert‘). England
stand damals in Europa allein. Die Londoner Diplomatie sah damals eine
Hauptsicherung für den europäischen Frieden in der persönlichen Furcht
des Zaren vor neuen Verwicklungen; er wisse zu genau, daß Rückschläge
irgendwelcher Art sich in nihilistischen Attentaten gegen ihn Luft machen
könnten.
Inzwischen hatte die Sendung des Herrn v. Lesseps nach Berlin
wesentlich zur Entspannung der Lage beigetragen. Der Berliner Ge-1)
Wien, 21. Februar 1887, Bd. V, S. 178/179.
2) Bd. V, S. 20221.
3) Bd. V, S. 64.
°) Bd. V, S. 67/68.
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