Full text : Tägliche Erinnerungen aus der sächsischen Geschichte.

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noch  einmal  zu  sehen.  Am  19.  hielten  die  Seelenfreunde  des  Entschlafenen,
  Justus  Jonas  und  Eölius,  die  Leichen=  und  Abschiedsreden.
  Dann  ward  der  Leichnam,  unter  großem  Geleite  und  unglaublichem
  Zuströmen  aller  Dörfer  und  Städte,  nach  Wittenberg  gebracht,
  wo  in  der  ehrwürdigen  Schloßkirche  der  Doctor  Bugenhagen
und  nach  ihm  Melanchthon  die  letzten  Worte  zu  Ehren  des  Unvergeßlichen
  sprachen.  Tiefe  Wehmuth  hemmte  die  Sprache,  Weinen
und  Schluchzen  erfüllte  das  Gotteshaus,  und  als  der  Sarg  endlich
hinabgesenkt  ward  in  die  stillen  Grüfte  der  Schloßkirche,  da  lösten
sich  Aller  Herzen  auf  in  laute  Töne  der  Klage.

19.  Februar.
nglücklicher  Fattnachtsball  in  Kalbe.

Die  Fastnachtszeit  war  von  jeher  eine  Zeit  mannichfacher  Vergnügungen.
  So  gab  einst  am  heutigen  Tage  (1382)  der  Erzbischof
  Ludwig  von  Magdeburg  in  der  Stadt  Kalbe  ein  glänzendes
Turnier,  zu  welchem  viele  Grafen  und  Herren  aus  der  Umgegend
geladen  waren.  Am  Abend  aber  nach  dem  Turnier  war  festlicher
Ball  auf  dem  Rathhause.  Bei  Tafel  und  Wein,  bei  Musik  und
Tanz  war  Alles  in  voller  Fröhlichkeit.  Da  vernahm  man  plöblich
den  Feuerruf:  da  hörte  man,  daß  unter  dem  Tanzsaale  ein  Bett
mit  Stroh  in  Brand  gerathen  sei,  und  daß  die  Flamme  schnell  um
sich  greife.  Natürlich  entstand  eine  grenzenlose  Verwirrung  unter
den  fröhlichen  Gästen  und  ein  rasendes  Drängen  nach  der  Treppe  ins
Erdgeschoß,  die  allein  Befreiung  verhieß.  Allein  die  Treppe  vermag
die  Menge  nicht  zu  fassen  und  zu  tragen:  sie  bricht  unter  der  Last,
und  es  stürzen  an  dreihundert  Menschen  aus  bedeutender  Höhe  hinunter
aufs  Steinpflaster.  Viele  waren  mehr  oder  minder  beschädigt;  der
Wirth  aber,  der  gutmüthige  Erzbischof,  war  der  Einzige,  der  auf  der
Stelle  kodt  fiel.  —  Das  war  abermals  ein  trauriges  Ende  eines
frohen  Festes.

20.  Februar.

Schutzpockenimpkung  in  Sachten.

Seit  den  Zeiten  der  Kreuzzüge  war  eine  furchtbare  Krankheitsplage
  in  Europa  heimisch  geworden,  die  alljährlich  Unzählige  dahinvern
  zu  uns,  von  uns  wiederum  nach  Amerika  gekommen  sein  sollen.
  Erst  im  Jahre  1796  ward  ein  Damm  gegen  die  verheerende