Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

25]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  451

vertreten.  Das  alte  Bremen  liegt  auf  zwei  Geesthügeln,  die  durch  eine
Senkung  von  einander  getrennt  sind.  Auf  jedem  derselben  entstand
eine  selbständige  Stadt,  auf  dem  oberen  die  Domstadt,  auf  dem  unteren
die  Stephanstadt.

Wie  gesagt,  war  es  vor  allem  der  feste  Baugrund,  der  die  erste
Ansiedelung  auf  der  Höhe  veranlaßte.  Die  jetzt  in  der  Flußniederung
gelegenen  Stadtteile  sind  alle  erst  in  späteren  Zeiten  entstanden  und
ruhen  auf  künstlich  erhöhtem  Boden  oder  auf  Pfahlrosten,  wie  der
Stadtteil  Kneiphof  auf  der  Pregelinsel  in  Königsberg’).  Wie  ungern
die  Bebauung  des  fluvialen  Bodens  vorgenommen  wird,  zeigen  deutlich
zwei  Beispiele  aus  der  Gegenwart.  In  den  Hamburger  Vorstädten  Borgfelde
  und  Hamm  bieten  nur  die  südlichen,  in  der  Marsch  gelegenen
Teile  noch  große  zusammenhängende  Bauflächen,  während  die  nördlichen
  Geestteile  größtenteils  bebaut  sind.  Die  am  linken  Ufer  der
Weser  ebenfalls  in  der  Marsch  gelegene  Neustadt  Bremens,  die  schon
zu  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  angelegt  wurde,  ist  erst  in  den  letzten
Jahrzehnten  vollständig  bebaut  worden.

Aber  noch  andere  Gründe  ließen  die  ersten  Ansiedler  die  Höhe
der  Flußaue  vorziehen.  Man  fand  am  Hügelrand  das  unumgänglich
  notwendige  Trinkwasser,  da  dieser  meist  einen  Quellhorizont  (gewöhnlich
  eine  Thonschicht)  ?)  enthielt,  der  eine  Anzahl  von  ergiebigen
Brunnen  lieferte.  Dieser  Umstand  war  natürlich  in  jener  Zeit  weit
bedeutsamer  als  heute,  wo  man  auch  aus  dem  unreinen  Flußwasser
durch  Filtration  genießbares  Wasser  gewinnt.  In  der  That  finden  wir
in  den  alten  Stadtteilen  zahlreiche  Brunnen,  die  zum  Teil  jetzt  noch
fließen,  während  die  Trinkwasserversorgung  der  in  der  Niederung  liegenden
  Stadtteile,  z.  B.  des  Steinwärders  in  Hamburg,  der  Lastadie  und
Silberwiese  in  Stettin  bis  in  die  Gegenwart  mit  den  grössten  Schwierigkeiten
  verknüpft  ist.

Ferner  ist  das  Wohnen  auf  der  von  frischen  Winden  bestrichenen
Höhe  ein  weit  gesünderes  als  in  der  sumpfigen,  an  mephitischen  Dünsten
reichen  Niederung.  Diese  niedrig  liegenden  Stadtteile  waren  denn  auch
immer  der  Herd  der  gerade  die  Seestädte  so  oft  heimsuchenden  epidenischen
  Krankheiten,  und  die  „pontinischen  Sümpfe“  Stettins  sind  noch
heute  die  Ursache  ständiger  Klagen  ihrer  Bewohner).

Endlich  ist  die  Lage  am  Abhange  auch  in  strategischer  Hinsicht
eine  günstige,  zumal  wenn  der  feste  Boden  sich  in  Gestalt  einer  Landzunge
  in  das  sumpfige  Gebiet  vorschiebt.  Eine  Ansiedelung  ist  dann
auf  drei  Seiten  durch  Wasser  oder  wenigstens  für  größere  Truppenabteilungen
  unwegsames  Bruchland  geschützt  und  braucht  nur  den  Zugang
  vom  Lande  her  zu  schließen,  Am  ausgeprägtesten  ist  diese  Lage
bei  Alt-Kiel  und  Alt-Lübeck:  beide  haben  nur  einen  ganz  schmalen
Zugang  von  Norden  her,  der  durch  eine  Burg  versetzt  ist.  Ebenso
bestand  Hamburgs  erste  Befestigung  nur  in  einer  Mauer,  die  sich  hinter
der  Stadt  quer  über  die  Landzunge  zwischen  Alster  und  Bille  hinweg-')

  R.  Armstedt,  Königsberg  8.  29.
?)  Vgl.  Berghaus,  Stettin  I  8.  285.
?)  Berghaus,  Stettin  I  S.  274.