Full text : Die Frau als Hausärztin.

266  Langlebigkeit  und  Tod.

haben  forschende  Personen  das  „Abfallen“  des  schweren  Körpers  an  sich
selbst  beobachtet  und,  während  der  Geist  bei  erregter  Phantasie  scharf  arbeitete,
die  Empfindung  gehabt,  als  wäre  er  mit  dem  Körper,  der  wie  eine  Last
an  ihm  hing,  nicht  mehr  fest  verbunden.  (Austreten  des  Astralkörpers  aus
dem  Leibe.)  Das  sind  alles  Beobachtungen,  die  dem  Vorgang  des  Sterbens
sehr  nahe  kommen.  Wenn  körperliche  Qualen  nicht  mehr  zum  Bewußtsein
kommen,  dann  haben  sie  aufgehört,  Qualen  zu  sein.  Wenn  daher  ein
Sterbender  stunden  lang  röchelt,  wenn  Zuckungen,  Atemnot  usw.  eintreten,
Erscheinungen,  welche  eine  teilnehmende  Umgebung  mit  Entsetzen  erfüllen,
so  untersuche  man  stets,  ob  der  Leidende  bei  Bewußtsein  ist  oder  nicht.
Gibt  er  keinerlei  Antwort  auf  Anreden,  bleibt  er  unbeweglich  bei  Temperatureinflüssen
  auf  die  Haut,  Lageveränderungen,  Lichtein  wirkungen,  dann  reagieren
  seine  Sinne  nicht  mehr,  oder  das  Gehirn  ist  nicht  mehr  aufnahmefähig.
  Dann  ist  aber  auch  keine  vollständige  Schmerzempfindung  mehr  da,
und  wir  haben  keine  Ursache,  über  die  Leiden  des  Sterbenden  zu  klagen.
Die  hängenden  Züge,  das  fahle  Erblassen,  der  langsame  Atem,  der  stockende
Puls  usw.  sind  nur  physiologische  Erscheinungen,  die  bei  langsamer  Auflösung
dem  Tode  vorangehen.  Sind  dagegen  heftige  Schmerzäußerungen,  Erregungszustände,
  mit  kurzen  Bewußtseinsstörungen  verbunden,  vorhanden,  besteht  keine
Aussicht  auf  Heilung,  dann  führe  man  den  wohltätigen  Dämmerzustand  durch
künstliche  Mittel  herbei  und  verlange  vom  Arzt  entweder  Morphium  oder
andere  Narcoticu.  Oft  führen  diese  sonst  zu  meidenden  Gifte  sanft  zu  einem
schmerzlosen  Tode  hinüber  und  wir  preisen  sie  als  Retter  in  der  Not.  Im
Übrigen  sei  man  besorgt,  bei  einem  Sterbenden  alle  äußeren  Störungen  fernzuhalten:
  keine  heftigen  Geräusche,  keine  grellen  Lichteinwirkungen,  keine
schweren  Decken  oder  unbequeme  Lage.  Bei  Atemnot  erhöhte  Lage  des
Oberkörpers,  bei  kalten  Gliedern  in  Flanelle  gewickelte  Wärmfflaschen,  bei
Schweißausbruch  und  sichtbarer  Schwäche,  solange  Bewußtsein  vorhanden  ist,
zartes  Trocknen  der  schwitzenden  Stellen,  leichte  Einreibungen  mit  kölnischem
Wasser,  das  man  auch  unter  die  Nase  halten  kann,  reichliche  Zufuhr  frischer  Luft
(bei  Vermeidung  von  Zugluft),  liebevolles,  leises  Zusprechen,  baldige  Besserung
verheißend.  Solches  Verhalten  kann  die  Qualen  der  letzten  Stunden  wesentlich
vermindern;  auch  die  Erhaltung  der  Täuschungen  Kranker,  z.  B.  neue  Zukunftspläne,
  die  Erwartung  der  Ankunft  treuer  Personen,  die  Zuversicht  auf  vollständige
  Heilung  u.  a.  m.  ist  aus  Pflicht  der  Barmherzigkeit  notwendig.  Die
Hoffnung  wirft  einen  Schimmer  des  Lichtes  über  alle  Lebensverhältnisse.  Man
lasse  sie  den  armen  Kranken,  deren  Urteilskraft  schon  getrübt  ist.

Anders  ist  es  bei  plötzlichem  Tode.  Ein  Schrei,  ein  unvermutetes
Zusammenbrechen,  auch  ein  lautloses  Umsinken,  bei  plötzlichem  Stillstand  des
Herzens  mit  Verzerrung  der  Gesichtszüge,  dunkler  Verfärbung,  stockendem
Atem,  das  sind  oft  die  einzigen  wahrnehmbaren  Zeichen.  Bei  Schlaganfällen
  (Austritt  von  Blut  ins  Gehirn),  bei  Herzlähmung  beobachtet  man