ungestörte Entwicklung. Diese Sorge war maßgebend gewesen für seine Be-
mühungen, schon den Prinzen Wilhelm gewissermaßen politisch zu erziehen,
um dann, wenn das Alter ihm die Zügel aus der Hand nahm, sich mit dem
Bewußtsein zurückziehen zu können, daß dieser Kaiser die großen Grund-
linien bisher bewährter Politik befolgen werde und die Hauptfeinde und
Gefahren für das Reich kenne.
Dazu kam zuletzt die unwürdige, schmachvolle Behandlung, die Bismarck
doppelt verletzend treffen mußte, und weiter kam hinzu die ganze vul-
kanische Wut und Verzweiflung in der Sorge um die Zukunft des Reichs:
seines Werks. — Hierzu berichtet der spätere Pressechef Bülows:
„Bald nach der Entlassung Bismarcks kam von Wilhelm II. ein amtliches
Schriftstück, worin der Fürst als Gründer des Reiches bezeichnet war, mit
der verblüffenden Bemerkung zurück: ‚Das ist Großpapa gewesen!‘ Eine
Umformung der geschichtlichen Rolle Wilhelms I. durch die Familien-
tradition steigerte sich in späteren Äußerungen seines Enkels bis zur An-
nahme geheimnisvoller Unmittelbarkeit mit dem Göttlichen.“
In den Jahren nach seiner Entlassung hat Bismarck in privaten Ge-
sprächen, auch mit Lerchenfeld, Waldersee und nicht wenigen anderen,
seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, daß der Kaiser der Verderber
des Reiches sein werde. Man hat dies auf Haß und Rachsucht des ge-
stürzten Kanzlers geschoben, aber die Geschichte hat auch dieser seiner
Voraussage recht gegeben.
Der Eindruck im Ausland war zum Erstaunen des Kaisers und seiner
Adulatoren ein sehr großer. In sehr nüchternen Worten skizzierte dies der
Däne Jules Hansen, ein früherer Beamter am dänischen Hofe und späterer
diplomatischer Agent zwischen Dänemark, Rußland und Frankreich, in
jener Zeit:
„In Europa schuf das Ereignis eine wahre Erleichterung. In Frankreich
hatte man die Empfindung, daß eine neue Ära anbreche, und daß man end-
lich von der durch Bismarcks gewalttätige Politik erzeugten Beklemmung
und Beängstigung befreit sein werde. Nun endlich hatte Frankreich nicht
mehr den energischen Einspruch zu fürchten, den Bismarck jedenfalls gegen
die Verwirklichung eines französisch-russischen Bündnisses erhoben hätte,
und damit war die Aufgabe des französischen Ministers des Auswärtigen
erleichtert.‘ — In diesen Sätzen war ein Kernpunkt getroffen.
Im dritten Band seiner ‚Gedanken und Erinnerungen‘, der erst lange
nach der Herausgabe der Schrift von Jules Hansen veröffentlicht worden
ist, schreibt Bismarck:
„Ich muß es als eine Laune des Zufalls ansehen, und die Geschichte wird
es vielleicht verhängnisvoll nennen, daß am Vormittage desselben Tages
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