(am 17. März 1890, mitten in der Entlassungskrisis) der in der Nacht aus
Petersburg eingetroffene Botschafter Graf Paul Schuwalow sich bei mir mit
der Erklärung meldete, er sei ermächtigt, in gewisse Vertragsverhandlungen
einzutreten, und daß diese Verhandlungen sich demnächst zerschlugen, als
ich nicht Reichskanzler blieb.‘
Es handelte sich um die Erneuerung des deutsch-russischen sogenannten
Rückversicherungsvertrages. Dieser war Bismarcks Werk und mußte nach
je drei Jahren erneuert werden. Sein Vorhandensein und sein Inhalt wurden
geheimgehalten. Dieser Vertrag bedeutete für den Fall, daß Deutschland
von Frankreich angegriffen würde, die Neutralität Rußlands und, im Falle,
daß Rußland von Österreich-Ungarn angegriffen werden sollte, die Neu-
tralität Deutschlands. So hatte Rußland, ebenso wie Deutschland, für einen
Festlandkrieg eine überaus wertvolle Rückversicherung gegen die Gefahr
eines Zwei-Fronten-Angriffs. Daß seit Jahren in Paris wie in Petersburg
starke Annäherungsbestrebungen waren, auch schon gewisse Bindungen ge-
schaffen worden waren, bildete kein Geheimnis in Europa, aber der ab-
schließende Schritt eines Bündnisvertrages war nicht getan worden, und
Bismarcks Politik, insbesondere in Gestalt dieses Rückversicherungs-
vertrages, war dafür maßgebend.
Der russische Botschafter war damals, 1890, zunächst nur bevollmächtigt,
mit Bismarck und dessen Sohn zu verhandeln. Das Entscheidende jedoch
war, daß der Kaiser die Erneuerung des Vertrages gleichgültig, als Baga-
telle, behandelte, sonst würde es ihm ohne Zweifel gelungen sein, zu er-
reichen, daß der russische Botschafter die Verhandlungen trotz der Kanzler-
krisis hätte führen und mit dem deutschen Vertragspartner zu Ende bringen
können. Bismarcks Nachfolger, General von Caprivi, war der Ansicht, daß
der Rückversicherungsvertrag die deutsche Politik zu sehr ‚‚kompliziere‘‘,
außerdem sei er unmoralisch und illoyal in bezug auf das deutsche Bündnis
mit Österreich; eine sonderbare Auffassung, denn der Rückversicherungs-
vertrag war ein reiner Neutralitätsvertrag, widersprach dem deutschen
Bündnisvertrage mit Österreich-Ungarn in keiner Weise und war außerdem
dem Kaiser von Österreich persönlich mitgeteilt worden.
Im Hintergrunde dieses törichten, achtlosen Fortwerfens des Rück-
versicherungsvertrages mit der Großmacht Rußland waren für den Deut-
schen Kaiser folgende Motive maßgebend: persönliche Verstimmung gegen
den Zaren und der englische Einfluß besonders der Familiendiplomatie am
englischen Hofe, dem sehr viel daran gelegen war, die deutsch-russische
Freundschaft zu beseitigen, die feste Verbindung zwischen Rußland und
Frankreich herbeizuführen und selbst mit Rußland zu einer Verständigun-
zu gelangen, die sich in der Folge auch bald durch den Prinzen von Wales
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