Den großen Vorteil hatten England und nach ihm Frankreich. Für die
europäische Machtstellung Deutschlands bedeutete das Fallenlassen des
Vertrages eine gefährliche Schwächung, für den europäischen Frieden eine
stete Drohung; denn Frankreich wußte unter den neuen Verhältnissen, daß
es in der Folge für einen Krieg mit Deutschland Rußland auf seiner Seite
haben würde. Auf der russischen Seite trat schwere Verstimmung ein, und
wenn es auch Caprivis Nachfolger Hohenlohe gelang, die Beziehungen zum
Zaren äußerlich etwas zu bessern, so hat doch das alte Verhältnis trotz Be-
suchen vom Kaiser und vom Zaren nie wieder Platz gegriffen, und es wurde
möglich, was vorher ausgeschlossen war, daß auch London und Petersburg
sich diplomatisch und politisch in gleicher Front gegen das Deutsche Reich
sahen.
Die große Erregung in den nationalen deutschen Kreisen, als nach Mitte
der neunziger Jahre diese Zusammenhänge öffentlich bekannt wurden, ist
seit mehr als vierzig Jahren in die Vergangenheit versunken. Aber auch heute
steht man staunend vor jener Achtlosigkeit und Leichtfertigkeit des Kaisers
und seiner Berater. Wilhelm II. hat anscheinend die Bedeutung gar nicht
begriffen, und damit auch nicht die Verantwortlichkeit, die sich gerade hier
ihm persönlich auf die Schultern legte. Er hat nicht daran gedacht, seinen
für ihn letzten Endes rein persönlichen Kampf gegen Bismarck zu unter-
brechen und in einer für die außenpolitische Stellung des Reiches so be-
deutenden Angelegenheit noch einmal Rat, Hilfe und Entscheidung des
Kanzlers für die Lösung der Aufgabe zu erbitten. Bismarck würde ein solches
Ansinnen nicht abgelehnt haben. Wohl kann man aber begreifen, welche
Verbitterung und Erbitterung ihn erfüllte, als der Kaiser schon diese erste
Gelegenheit benutzte, um den folgenschweren Schlag gegen sein großes poli-
tisches Sicherheitswerk zu führen. Bismarck hat niemals mit einer gewisser-
maßen eisernen Gültigkeit von Verträgen gerechnet, auch den Dreibund
(siehe ‚Gedanken und Erinnerungen‘) als eine strategische Stellung be-
zeichnet, die man eben durch eine andere ersetzen-müsse, wenn sie ihrem
Zweck nicht mehr entspräche. Bündnisse seien nicht für die Ewigkeit :,,‚Was
sind Verträge, wenn man muß!“ Keine große Nation werde ihre Existenz
auf dem Altar der Bundestreue opfern.
Er hat es nicht ausgesprochen, aber man hat den Eindruck der Besorgnis,
daß Wilhelm II. nach seiner Abwendung von Rußland den Dreibund als
eine uneinnehmbare, sich an Wert immer gleichbleibende europäische
Machtstellung ‚ansehen werde. Die Zukunft hat dem Kanzler auch hierin
recht gegeben und ebenfalls seinen Schlußsätzen des dritten Bandes der
„Gedanken und Erinnerungen‘, in denen er sich des beunruhigenden Ein-
drucks nicht erwehren konnte, daß (seit seiner Entlassung) die Wiener
229