unter drei Kanzlern gehabt hat, auch unter dem Fürsten Bülow, selbst nach-
dem Holstein verabschiedet worden war. Auch dann noch holte Bülow sich
zeitweise täglich Rat von diesem Manne, oder er schickte einen Beamten des
Auswärtigen Amtes zu ihm mit der Mappe. Ein hohes Maß politischer An-
lagen konnte Holstein nicht bestritten werden, freilich bedingt und be-
schränkt durch einen psychopathischen Zug, damit auch die unbezwingliche
Neigung zur Intrige, zur Arbeit im Dunkeln überhaupt. Holstein war der
Mittelpunkt des ganzen Intrigantentums im Bereiche der Wilhelmstraße, der
Reichskanzlei, aller Ministerien, auch hoher Militärkreise und des Hofes; das
war nicht wenig! Dazu kam ein krankhaftes Mißtrauen, eine wütende Rach-
sucht und Haß gegen alle, in denen er Gegner seiner Person vermutete. Bis-
marck hatte Holstein niemals hochkommen lassen, einmal, weıl er ihm nicht
traute, dann, weil er ihn zu besonderen Dingen nur verwendete, wenn diese
nicht ganz reinlich waren, wie zum Beispiel in seinem Kampf gegen Arnim,
wo Holstein es willig übernahm, seinen eigenen Botschafter zu überwachen
und über ihn zu berichten.
Ein Mann wie Holstein mußte als der politische Direktor im Auswärtigen
Amt seit 1890 von vornherein vor die Alternative gestellt werden, entweder
seine Politik und seine Person verantwortlich zu vertreten oder aber zurück-
zutreten. Daß dazu drei Reichskanzlern und einem Kaiser der Mut fehlte,
charakterisiert jene Zeiten. Manche politische Standpunkte Holsteins zwar
werden in ihrer Richtigkeit durch diese Charakteristik nicht beeinträchtigt.
Das Wesen des Kaisers hatte er schnell erkannt und sah, daß dessen Regie-
rung das Unheil Deutschlands sein werde. Wilhelm II. hat, nach seinen
Schriften zu schließen, Holstein nur als eine kuriose Erscheinung beurteilt,
auch gefunden, daß er, so schreibt wenigstens der Kaiser, gern über den Be-
reich seiner Dienststellung als der politische Direktor im Auswärtigen Amt
hinausgegriffen habe. Die Bedeutung und die gefährliche Eigenart dieses
Mannes sind ihm aber nicht zum Bewußtsein gekommen. Der Kaiser meint
in seinen ‚‚Ereignissen und Gestalten‘: der starke Einfluß Holsteins sei ıhm
bedenklich erschienen. Trotzdem hat der Kaiser diesen unaufhörlich Unheil
stiftenden pathologischen Intriganten siebzehn Jahre hindurch walten lassen,
wie er wollte.
Bismarck hätte nicht er selbst gewesen sein müssen, wenn er auf alle An-
griffe gegen seine Politik, die Lügen, Verleumdungen und Legenden, ge-
schwiegen hätte, die während der Krise und nach seiner Verabschiedung in
der deutschen und der ausländischen Presse, hauptsächlich in der ersteren,
planmäßig auch von seiten der Reichsregierung verbreitet wurden, um die
234