Full text: Von Potsdam nach Doorn.

Ruhm, Erfolg und Verdienst. Sie hängt am Mann, nicht am Amt. Das Wort 
des Fürsten Bismarck wird Geltung und Autorität behalten, solange er 
unter den Lebenden weilt.‘ 
Die englische Zeitschrift ‚Punch‘ brachte das berühmte Bild mit der 
Unterschrift: ‚Dropping the pilote‘ (‚Der Lotse wird ausgeschifft‘‘): wie 
Bismarck in Lotsenuniform das Fallreep des Schiffes ‚Deutschland‘ würde- 
voll hinuntersteigt, um im bereitliegenden Boot davonzufahren. Oben an der 
Reling steht der Kaiser, die Krone auf dem Kopf, und sieht befriedigt, daß 
er nun auch wirklich geht. — Tatsächlich: der Lotse hatte das Schiff 
‚Deutschland‘ verlassen, und der kaiserliche Kapitän glaubte, in dem Vor- 
witz seines Dünkels und seiner Unerfahrenheit, dieses Lotsen, der das Schiff 
ebenso genau kannte wie die Schwierigkeiten des Fahrwassers, nicht zu be- 
dürfen, und London freute sich. “ 
Über die Stimmung der deutschen Bevölkerung kann, von den heutigen 
Verhältnissen aus gesehen, in großen Zügen folgendes gesagt werden: 
Alle diejenigen, die am sogenannten Parteileben teilnahmen, überhaupt 
politisch interessiert waren, beurteilten mit geringen Ausnahmen die Kaiser- 
Kanzler-Krisis nach der Presse ihrer Partei. Vielleicht hat die Freikonser- 
vative oder Reichspartei bis zu einem gewissen Grade objektiv geschrieben 
und sich mit einigem Takt zurückgehalten. Sonst waren alle Parteien, ebenso 
wie das hohe Beamtentum, die Diplomatie usw., erleichtert und froh: nun 
sollte ein neues Leben der Freiheit, der Selbstzufriedenheit und des Erfolges 
beginnen! Von nun ab war der Kaiser allein maßgebend, ihn galt es zu loben 
und zu gewinnen. Die zu offiziösen und halboffiziösen Zwecken von Bis- 
marck gebrauchte Presse ging ohne weiteres zum neuen Herrn über und 
gegen Bismarck vor. Die später sogenannte und seit den neunziger Jahren 
auf das üppigste entwickelte parteilose, farblose, sogenannte Greneral- 
anzeiger-Presse stellte sich geschickt und mit höchstem Erfolge auf die polı- 
tische Charakterlosigkeit des Durchschnittsbürgertums ein. Diese bald weit- 
verbreiteten Zeitungen vertraten außerdem einen Byzantinismus wider- 
wärtigster Art und haben im Laufe der Jahrzehnte auch eine nicht leichte, 
des Geschäfts wegen aber sehr leicht getragene Schuld auf sich geladen. 
Mit dem Jahre 1890 bildete sich eine ausgesprochen nationale Presse, die 
sich die Verteidigung des entlassenen Kanzlers und seines politischen Kurses 
zum Ziele gesetzt hatte. Sie stand zum großen Teil außerhalb der Parteien 
und trat entschieden und offen für die Politik und Persönlichkeit Bismarcks 
ein. Unter den verbreiteten politischen Witzblättern war es der ‚„Kladde- 
radatsch‘‘, der seiner großen Tradition als Bewunderer Bismarcks, un- 
geachtet nicht geringer Schwierigkeiten, treu blieb. 
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