Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

Fra#treich.  (Juni  2.  15.)  227

zur  Ursache.  Hier  war  über  die  Indiskretion  eines  Offiziers  im
Kriegsministerium  verhandelt  worden.

2.  Juni.  Der  Senat  genehmigt  eine  Amnestievorlage  über
die  Dreyfusangelegenheit.

Hiernach  sind  alle  Strafverfahren,  die  auf  Grund  von  Thatsachen
eingeleitet  sind,  welche  auf  den  Dreyfus-Handel  Bezug  haben,  sowie  alle
begonnenen  Strafverfolgungen  oder  auch  solche,  die  noch  nicht  eingeleitet
find  auf  Grund  der  Gesetze  vom  18.  April  1886,  29.  Juli  1881  oder  auf
Grund  aller  anderen  strafrechtlichen  Verfügungen,  mit  Ausnahme  derjenigen,
die  sich  auf  die  Artikel  295/8  und  302  4  des  Strafgesetzbuches  begründen,
als  niedergeschlagen  zu  betrachten.  Die  bezüglichen  Zivilprozesse  können
nur  vor  der  bezüglichen  Gerichtsbarkeit  geführt  werden,  auch  wenn  sie  von
der  Kriminaljustiz  eingeleitet  waren  und  ohne  daß  man  dem  Kläger  die
Abweisung  seiner  Klage  auf  Grund  des  Artikels  46  des  Gesetzes  vom
29.  Juli  1881  entgegenstellen  darf.  Daraus  ergibt  sich,  daß  die  verschiedenen
Prozesse,  die  aus  dem  Dreyfusprozeß  entstanden  sind,  nicht  mehr  stattfinden
können.  Doch  bleiben  die  Rechte  der  dritten  Personen  vorbehalten,  so  daß
auch  nach  der  Annahme  der  Regierungsvorlage  die  Witwe  Henury  befugt
sein  würde,  Reinach  vor  dem  Zivilgericht  wegen  Schadenersatzes  zu  belangen;
ebenso  können  auch  die  Mitglieder  des  Esterhazy-Kriegsgerichtes  gegen  Zola
einen  Zivilprozeß  anstrengen.

15.  Juni.  (Kammer.)  Debatte  über  Arbeiterunruhen.
Parteiverhältnisse.

Am  3  Juni  war  es  in  Chalons-fur-Saone  zu  einem  blutigen  Kampfe
zwischen  Arbeitern  und  Militär  gekommen.  Die  Sozialisten  interpellieren
über  diese  Angelegenheit.  Ueber  den  Verlauf  der  Sitzung  berichtet  die
„Tägliche  Rundschau“:  Die  Sozialisten  gingen  dem  Ministerium,  in  dem
Herr  Millerand  bekanntlich  einer  der  ihren  ist,  hart  zu  Leibe  und  brachten
einen  Antrag  ein,  eine  parlamentarische  Untersuchung  der  Vorgänge  anzustellen:
  Wörtliche  Wiederholung  eines  Antrags  Millerand  bei  früherer,  ähnlicher
  Gelegenheit.  Waldeck  erklärte,  er  würde  in  diesem  Antrag  ein  Mißtrauensvotum
  sehen  müssen.  Die  Opposition  —  Rechte  und  Zentrum  —
horcht  auf.  Zwar  hat  Waldeck  ja  ganz  in  ihrem  Sinne  gesprochen,  zwar
billigt  sie  seine  Maßregeln,  zwar  hält  sie  eine  Untersuchung  für  überflüssig.
Aber  die  Gelegenheit  ist  doch  zu  günstig,  das  Ministerium  zu  stürzen:  die
Sozialisten  sichern  beute  der  Opposition  die  Mehrheit.  Aber  die  Sozialisten
bekommen  Wind  von  diesem  tückischen  Plan.  Sie  haben  den  Antrag  gestellt,
  sie  wollen  gegen  die  Regierung  stimmen.  Aber  wenn  die  Rechte  und
das  Zentrum  das  auch  thun  —  da  könnte  ja  gar  das  Ministerium  zu  Falle
kommen,  und  Millerand  mit  ihm.  Die  Mehrzahl  hat  die  blauen  Zettel
schon  in  die  Urnen  gethan  —  ein  kleines  Häuflein  Radikaler  und  Sozialisten
enthält  sich  rasch  noch  der  Stimme:  9  Mann.  Die  Abstimmung  erfolgt.
Neun  Stimmen  beträgt  das  Plus  für  die  Regierung.  Sie  hat  also  doch
noch  gesiegt.  Sie  billigt  unter  den  vorgeschlagenen  Tagesordnungen  eine
sehr  allgemein  gehaltene,  die  sie  auffordert,  die  Schuldigen  zur  Rechenschaft
zu  ziehen.  Konsequenterweise  mußten  nun  diejenigen,  die  soeben  für  eine
parlamentarische  Untersuchung  stimmten,  gegen  diese  Tagesordnung  sein.
Es  ist  nicht  der  Fall.  Die  Tagesordnung  wird  mit  292  gegen  203  Stimmen
angenommen.  Aber  die  Opposition  ist  wieder  tückisch.  Massabuau  beantragt
einen  Zusatz  zu  dieser  selben  Tagesordnung,  des  Inhalts,  daß  die  Kammer
„die  kollektivistischen  Toktrinen  verwirft,  durch  die  man  die  Arbeiter  ver-157