Full text : Der Kanzler.

überstand.  Ob  er  einen  Minister  oder  einen  Gutsnachbarn
an  der  Haustüre  empfing,  ob  er  die  Frau  Pastorin  aus
Wussow  oder  die  Fürstin  Reuß,  geb.  Drinzessin  von  Weimar,
zu  Tische  führte,  immer  war  seine  hHaltung  gleich  vornehm,
verbindlich  und  ritterlich.

Seiner  Geisteskraft  entsprach  sein  Selbstbewußtsein.  Er
konnte  sich  alles  zutrauen,  tat  es  aber  auch.  Dagegen  wurde
es  ihm  nicht  leicht,  ein  fremdes  Verdienst  anzuerkennen.  En
den  Leistungen  seiner  Ministerkollegen  namentlich  übte  er
eine  Kritik,  die  nicht  gerade  den  TCharakter  nachsichtigen  Wohlwollens
  an  sich  trug.  Sein  Selbstbewußtsein,  gepaart  mit
einer  starken  Dosis  Menschenverachtung,  verleitete  ihn  überhaupt
  nicht  selten,  Freunde  und  Feinde  zu  unterschätzen.  Er
sah  in  den  Freunden  dann  nur  willenlose  Werkzeuge  seiner
Pläne,  Schachfiguren,  die  er  beliebig  auf  dem  Brette  seiner
politik  hin=  und  herschieben  und  auch  opfern  konnte,  wenn
dies  ins  Spiel  paßte,  in  seinen  Feinden  nur  Schurken  und
Dummköpfe.  Ich  habe  nie  gefunden,  daß  er  einem  Eegner
volle  Gerechtigkeit  hat  widerfahren  lassen.  Dazu  war  er  zu
leidenschaftlich,  zu  impetuos,  zu  kampflustig.  In  dieser  wie
in  mancher  anderen  Beziehung  glich  er  Luther.  Jeder,  auch
der  kleinste  Angriff  reizte  ihn  zur  Gegenwehr,  und  er  war
stets  bereit,  einen  Uadelstich  mit  einem  Degenstoß  zu  vergelten.
  Daß  er  bei  dieser  Freude  am  Kampfe  bisweilen  mit
Kanonen  auf  Spatzen  geschossen  hat,  läßt  sich  nicht  leugnen
Bei  aller  Kraft  und  Erregbarkeit  seines  Uemperaments
blieb  doch  ein  kühler  Realismus  der  Grundzug  seines  Wesens.
Er  sah  die  Dinge,  wie  sie  wirklich  sind,  unbeeinflußt  durch
schwächliche  Empfindsamkeit.  Er  mag  die  ganze  Skala  der
Gemütsbewegungen  durchgemacht  haben,  und  zwar  mit  der
vollen  Wucht  seiner  Hersönlichkeit  („ich  habe  nicht  schlafen
können,  ich  habe  die  ganze  RNacht  gehaßt",  sagte  er  mir
eines  Morgens)  —  ich  glaube  aber  nicht,  daß  er  jemals
sentimental  oder  pathetisch  geworden  ist.  Wie  jede  Hhrase
war  ihm  jede  Dose  verhaßt,  (und  Dosieren  würde  er  es
genannt  haben,  hätte  er  eine  weichliche  oder  künstlich  forcierte
  Stimmung  zur  Schau  getragen)  —  Daß  die  Dolitik  eine

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