106 Die Session 1879 (vor Ostern).
Ein „größeres Artilleriegesecht“.
Die erste Gelegenheit, um die Zollfragen gründlich zur Er—
örterung zu bringen, bot die Vorlage betreffend die Verlängerung
des abgelaufenen Handelsvertrages mit Osterreich-Ungarn von 1868
um 6 Monate. Hier entspann sich in den Tagen des 20. bis
25. Februar, wie der Reichskanzler es bezeichnete, ein größeres
Artilleriegefecht. Die Thronrede hatte dazu schon in scharfer Weise
provoziert durch die Außerung, daß die bewährten Grundsätze, auf
welchen der Zollverein fast ein halbes Fahrhundert beruht habe, in
der Handelspolitik seit dem Jahre 1865 in wesentlichen Teilen
verlassen worden seien; es sei nicht zu erkennen, daß thatsächliche
Erfolge dieser Wendung der Zollpolitik zur Seite gestanden haben.
Der nationalliberale Abg. Stephani verzeichnet in seinem Tagebuch
„einen niederschmetternden Eindruck"“ dieser Thronrede. „Das
ist Kriegserklärung gegen uns und Ankündigung der bevorstehenden
Auflösung.“
Hiergegen Widerspruch zu erheben, wäre in erster Reihe der
frühere Minister Delbrück berufen gewesen, welcher nach und vor
1865 der Hauptträger der Handelspolitik gewesen war. Delbrück
trat auch wirklich zuerst in die Diskussion am 20. Dezember 1879
ein, erblickte aber zunächst seine Aufgabe darin, den an sich herzlich
unbedeutenden Vertrag in trockener und nüchterner Weise auf das
breiteste zu beleuchten, gleichsam als wenn er in seiner früheren
Stellung den Vertrag im Namen des Bundesrats klarzustellen gehabt
hätte. Nur nebenher schilderte er die neueren Verträge mit Österreich
von 1865 und 1868 als die Fortsetzung der Politik von 1853
und brachte statistische Zahlen bei über die günstigen Wirkungen
dieser Vertragspolitik gegenüber Osterreich. Diese matte Rede entsprach
nicht der Situation.
Ich führte nunmehr um so schärfer aus unter unmittelbarer
Anknüpfung an die Thronrede, in welchen schneidenden Widerspruch
sich diese Thronrede mit allen früheren Thronreden bis einschließlich
der Thronrede vom 6. Februar 1878 gesetzt habe, und bezeichnete
es als unerhört, daß eine Regierung ihre eigene Politik einer
solchen vernichtenden Beurteilung unterziehe, wie der Reichskanzler
mit seiner Wirtschaftspolitik es in dieser Thronrede gethan habe.
Der Reichskanzler stelle sich so dar wie ein unschuldiger
Mann vom Lande, der nach Berlin gekommen und hier in
die Hände von falschen Ratgebern geraten ist, welche ihn in seiner
Arglosigkeit und Gutmütigkeit früher veranlaßt haben, Verträge
zu unterschreiben, deren Tragweite er nicht übersehen konnte.