48 Dr. Aloys Fischer.
aller Erziehung und die wesentlichen Gesichtspunkte für das Erziehungsverfahren
entschieden werden. Die Organisation der Jugendpflege hat sich dememäß
einerseits nach der durchschnittlichen seelischen Beschaffenheit der Alterstufe
zu richten, für die sie berechnet ist, andererseits nach dem Inhalte der pflegerischen
Arbeit selbst, für den die Organisation den äußeren Rahmen abgibt.
2. Die seelische Beschaffenheit der reifenden Jugend ist im allgemeinen gekennzeichnet
durch die Krisenstimmung der geistigen und wirtschaftlichen Verselbständigung.
Als Einzelzeichen dieses Vorganges treten auf dem Gebiete der
Intelligenzentwicklung ein starkes Wachstum der Mbstrartionsfähigkei, logischer
Fanatismus, Räsonniereifer und Kritiksucht zutage, auf dem Gebiete der individuellen
positiven Anlagen: die Anfänge der Produktion, der Dilettantismus
als Vorläufer und Keimform schöpferischer Tätigkeit, auf dem Gebiete des Gefühls=
und Willenslebens: die Verselbständigung der Werthaltungen, in der
äußeren Lebensführung: die physischen und charakterologischen Folgen der beginnenden
Lebensweise der Erwachsenen. Überdies ist der Vorgang der Reifung
im ganzen durchzogen und unterfüttert von den Ausstrahlungen der im engeren
Sinne sogenannten sexuellen Entwicklung.
3. Diese allgemeinen Züge der seelischen Lage und Entwicklung erfahren
im Einzelfalle gesetzmäßige Abwandlungen, die mit der sozialen Schicht, der
Bildungshöhe, der Beschäfti ung, der wirtschaftlichen Lage und dem Geschlechte
der Jugendlichen zusammenhängen (Großstadtjugend — Dorfjugend; die höheren
Schüler und höheren Töchter — Fortbildungsschüler, Lehrlinge und Arbeiterjugend;
die akademische Schicht der Jugendlichen usw.).
4. Die seelische Lage der Jugendlichen weist dem Zwange als Erziehungsfaktor
die geringste Möglichkeit erfolgreicher Wirkung zu. eilich müssen wir
unterscheiden zwischen repressivem Zwange und Zwang durch Sitte und gesetzliche
Verhältnisse, zwischen unmerklichem Zwange, der im frühen Lebensabschnitte
ößter Bildsamkeit unvermeidlich und bei der geringen Entwicklung der Perfönichkeit
im jungen Kinde höchstens in seiner Überspannung bedenklich ist, und
ausdrücklichem Zwange, der „als Zwang“ beabsichtigt ist und gespürt werden
soll. Er wird zwar erst mit dem gwachenden Selbstbewußtsein der Persönlichkeit,
aus der Gegensätzlichkeit ihres Eigen-Seins und Eigen-Sinnes zu den Absichten
der autoritativen Führung psychologisch möglich, ist aber zugleich im
Durchschnitte das Ergebnis des erzieherischen Ungeschicks der Autoritätsführung,
sittlich gefährlich, erzieherisch wenig wirksam. Nur insofern er auf genügende
geistig-sittliche Reife rechnen kann, darf er zur sittlichen Tat freiwilliger Unterordnung
und des Opfers eines zwar triebmäßig kräftigen, aber sittlich unzulänglich
motivierten Eigenwillens spärlich Gelegenheit schaffen. So ist die Anwendungsmöglichkeit
des Zwanges zeitlich beschränkt auf die Periode größter
natürlicher Plastizität, sachlich beschränkt durch die Abzielung der Erziehung auf
die sittliche Freiheit der Selbstverantwortung und Selbstführung, psychologisch
beschränkt durch die abnehmende Wirksamkeit aller Zwangsmaßregeln.
5. Dieselbe seelische Lage des Jugendlichen, zu der hier noch die Einflüsse
neuzeitlicher Lebensverhältnisse treten, fordert eine allmähliche Umwandlung des
Böglings in seinen Miterzieher und muß schließlich zur Selbstbestimmung befähigen.
Als Zwischenstufen in diesem Erziehungsgang erweisen sich als sinnvoll
und nützlich einerseits ein besonnener Ausbau der unter dem Namen Selbstregierung
bekannten Grundsätze der Disziplinierung in Schulen und Anstalten,
andererseits die auf Freiwilligkeit gegründete Teilnahme der Jugendlichen an
Hlegerischen Vereinen und Bestrebungen. Freilich ist auch das System der
Selbstregierung nicht eindeutig, und soweit öffentliche Bildungsanstalten in Frage
kommen, werden sie im Interesse der Gesellschaft, der Höhe ihres geistigen Lebens,
der Qualität der nationalen Arbeit auf einen den Fortschritt sichernden Druck
nicht verzichten können. Desto breiter muß die Zone der jugendlichen Freiheit
in allen Bestrebungen und Veranstaltungen bleiben, die nicht unmittelbar zur