Volltext : Reichs-Gesetzblatt. 1879. (13)

Kriegsberichte:  Sommeschlacht

Unhaltiner,  Torgauer  und  später  die  ruhmgekrönten
Regimenter  der  Brandenburger  und  Sachsen  dem
wahnwitzigen  Anprall  vielfacher  Überlegenheit  und
dem  Tag  und  Nacht  nicht  aussetzenden  Hagel  schwerer
und  schwerster  Geschosse  Trotz  geboten  haben,  kann
hier  nur  mit  höchster  Bewunderung  genannt  werden.

VII.

Ein  Vergleich  der  Schlacht  an  der  Somme
und  der  Kämpfe  bei  Verdun  drängt  sich  auf.

Bei  Verdun  sind  wir  die  Angreifer,  in  der  Pikardie
befinden  wir  uns  in  der  Abwehr.  Aber  die  Verteidiung

  Verduns,  auf  deren  Hartnäckigkeit  die  Franzosen
62ê  stolz  sind  und  von  der  sie  in  aller  Welt  so  viel  Wesens
  zu  machen  verstehen,  stützt  sich  auf  den  wuchtigen
Rückhalt  der  stärksten  Festung  Frankreichs,  ihren  doppelten
  Fortgürtel  und  ein  kunstvoll  ausgebautes  Verbindungsnet
  von  Feldbefestigungen.  Schon  das  Angriffsgelände
  an  sich  bietet  durch  sein  starkes  Ansteigen
und  die  tiefen  Einschnitte,  die  es  durchziehen,  die
überragenden  Kuppen,  die  es  schützen,  dem  Angreifer
ungleich  viel  höhere  Schwierigkeiten  als  die  leicht  gewellte
  Ebene  der  Pikardie.  Unseren  Kämpfern  an  der
Somme  stand  nur  ein  schmaler  Gürtel  von  Schützengräben
  zur  Verfügung,  deren  vorderste  Linie,  als  sie
dem  Erdboden  gleichgemacht  war,  von  der  ungeheuren
seindlichen  Übermacht  nach  siebentägigem  Trommel-=euer
  im  ersten  Anlauf  stellenweise  überrannt  und
damit  für  die  Verteidigung  vielfach  ausgeschaltet
werden  konnte.

Was  aber  das  Stärkeverhältnis  anlangt,  so  ist  es
bekannt,  daß  bei  Verdun  die  Franzosen  uns  in  einer
überlegenheit  gegenüberstanden,  die  an  Infanteriesich
zu  unserer  Stärke  wie  2:  1  verhält.  Dabei  waren
wir  dort  in  der  Rolle  der  Angreifer!  An  der  Somme
aber  stellt  sich  das  Zahlenverhältnis  jedenfalls  noch
weit  ungünstiger  für  uns.  Und  trotzdem  ist  der  Geländegewinn
  unserer  Feinde  im  ersten  Monat  ihrer
Offensive  noch  nicht  halb  so  groß  als  der  unfrige  im
ersten  Monat  vor  Verdun!  (Übrigens  mag  darauf
gngewielen  werden,  daß  der  Geländegewinn,  den  die

ranzosen  erzielen  konnten,  fast  doppelt  so  groß  ist
als  der  der  Engländer,  während  die  Verluste  der
ersteren  etwa  halb  so  groß  sind  als  die  der  letzteren.)

Die  Schlacht  an  der  Somme  stellt  selbst  gegen  die
Kämpfe  bei  Verdun  noch  eine  Steigerung  des  Einsatzes
  an  Menschen  und  Munition  dar.  Sie  bildet
den  6höhepunk  der  Kraftentfaltung  unserer  Feinde
und  der  ganzen  bisherigen  Kriegsgeschichte.  Zum
erstenmal  hat  das  bisher  listig  geschonte  englische
Ler-  gewaltige  Verluste  erlitten.  An  den  nutzlosen

pfern  trägt  aber  auch  diesmal  wieder  Frankreich
weitaus  den  größten  Anteil.  Ein  weiter  blühender
Landstrich  Frankreichs  ist  durch  die  Julikämpfe  in
eine  grausige  Trümmerwülste  verwandelt.

VIII

Nach  erheblichen  Anfangserfolgen  an  Geländegewinn
  und  Beute  war  die  große  Somme-Offensive
der  Engländer  und  Franzosen  um  die  Mitte  des  Julis
zum  Stehen  gebracht  worden  und  hatte  während  des
letzten  Drittels  dieses  Monats  keine  nennenswerten
Fortschritte  mehr  erzielen  können.  Auch  der  gewaltige
Ansturm  auf  unsere  ganze  Front,  welcher  am  30.  Juli
eingesetzt  hatte,  und  dessen  Nachwehen  sich  noch  bis
zum  1.  August  bemerkbar  machten,  hatte  den  Feinden
  keine  anderen  Ergebnisse  als  die  am  25.  den  Engländern
  geglückte  Eroberung  der  Trümmerstätte  des

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Dorfes  Pozières  gebracht.  Der  weitere  Verlauf  der
Sommeschlacht  seit  Anfang  August  bietet  der  rück.
schauenden  Betrachtung  den  Anblick  eines  ununterbrochenen,
  ungeheuren  Ringens.  Während  dieser  gesamten
  Zeit  hat  die  Kampftätigkeit  bis  Ende  Novem.
ber  nicht  einen  Augenblick  nachgelassen.  Ganz  deutlich
heben  sich  indessen  aus  dem  geschlossenen  Gesamtbilde
solche  Gruppen  von  Kämpfen  hervor,  die  sich  als  besondere
  Kraftanstrengungen  unserer  Gegner  kennzeichnen,
  und  aus  ihrer  Mitte  treten  einzelne  Tage
noch  besonders  als  Großkampftage  hervor.  Unter
diesen  größeren  Anstrengungen  unserer  Feinde  lassen
sich  solche  unterscheiden,  die  den  Gesamtangriff  auf
der  ganzen  Front  oder  auf  sehr  großen  Frontabschnitten
  bringen,  und  solche,  in  denen  der  Feind  seine
ganze  Kraft  auf  die  Eroberung  einzelner  ihm  wichtig
erscheinender  Geländeabschnitte  oder  Stützpunkte,  wie
Dörfer  oder  Waldstücke,  zusammenrafft.  Das  Ergebnis
  derartiger  größerer  nstrengungen  sind  in
vielen  Fällen  Geländefortschritte  des  Feindes  gewesen,
welche  ihm  in  ihrer  Gesamtheit  eine  unter  furchtbaren
  Opfern  erkämpfte  und  nur  sehr  allmähliche  Zurüctdrängung
  unserer  vordersten  Linie  ermöglicht
haben.  Auch  konnte  es  nicht  ausbleiben,  daß  jeder
derartge  Fortschritt  uns  Verluste  an  Mannschaften
und  gelegentlich  auch  an  Material  zufügte.  Überblickt
man  indessen  am  Schluß  des  fünften  Monats  der
Schlacht  ihr  Gesamtergebnis,  so  darf  einleitend  bereits
ausgesprochen  werden,  daß  die  Errungenschaften  unserer
  Feinde  außer  jedem  Verhältnis  zu  dem  ungeheuren
  Aufgebot  an  Menschenleben  und  Kriegsmaterial
  sehen.  das  jene  an  die  Erreichung  von  Zielen
gesetzt  haben,  von  denen  sie  höchstens  einen  Bruchteil
haben  verwirklichen  können.

Diese  Kennzeichnung  trifft  in  ganz  besonderem
Maße  auf  den  ersten  Abschnitt  des  hier  zubetrachtenden
  Zeitraumes,  auf  den  Monat  August,  zu.
Betrachten  wir  die  Lage,  wie  sie  zu  Anfang  August
bestand,  so  ist  daran  7  erinnern,  daß  es  dem  Feinde
während  des  ersten  Monats  seiner  Anstrengungen
gelungen  war,  in  dem  Abschnitt  Ancre  und  Somme
einen  Geländegewinn  zu  erkämpfen,  welcher  an  der
uns  zugewandten  Seite  eine  stumpfwinklige  Einbuchtung
  darstellt,  deren  Spitze  bei  Delville-Wald
liegt.  Im  Abschnitt  südlich  der  Somme  stellte  der
feindliche  Geländegewinn  ein  unregelmäßiges  Viereck
dar,  dessen  Flächeninhalt  ungefähr  der  doppelte  des
Nordabschnittes  war.  Den  Inhalt  des  Augustes  nun
bilden  dauernde  heftige  Angriffe  unserer  Feinde  von
der  Gesamtheit  der  bislang  erkämpften  Fronten  aus.
Zugroßen  einheitlichen  Angriffen  schwoll  diese  Kampftätigkeit
  vor  allen  Dingen  in  der  Woche  des  13.  bis
18.  Augustes  an,  sernerin  den  Tagen  nach  dem  24.  August
  und  endlich  am  31.  August.  Das  Ergebnis  dieser
größtenteils  mit  ungeheurer  Erbitterung  und  beständighin
  undher  schwankendem  Glück  geführten  Kämpfe
ist  gering.  Am  2.  August  verloren  wir  die  Monacu-Ferme,
  am  12.  ein  Waldstück  bei  Hem,  am  17.  und
18.  einzelne  Grabenstücke  in  dem  Abschnitt  von  Martinpuich
  bis  Maurepas,  und  im  letzten  Drittel  des
Monats  gingen  noch  weiterhin  einige  Gräben  an  den
Hauptangriffsstellen  bei  Maurepas  und  Martinpuich
verloren.  Im  ganzen  aber  kann  man  sagen,  daß  der
Monat  Angust  die  feindliche  Offensive  ins
Stocken  gebracht  hat,  trotz  beständiger,  abwechselnd
auf  der  Gesamtfront  und  an  einzelnen  Frontabschnitten
  mit  größter  Wildheit  fortwütender  Kämpfe.

Wenn  wir  in  diesem  Zusammenhange  uns  daran