124 Schlußbetrachtungen.
wegen zu weiter Entfernung oder zu kurzer Arbeitspause. Namentlich
die allmähliche Einführung der englischen Arbeitszeit mit ihrer halbstündigen
Mittagspause, in der vielfach in den Fabriken auch eine Mahlzeit
geboten wird, wird in immer höherem Maße die Väter von dem Mittagstische
der Familie fernhalten. Eine viel bedeutendere Rolle jedoch dürfte
die Beschäftigung der Mutter außerhalb des Hauses spielen, die bei
Fobrikarbeit nicht gestattet, in der kurzen Mittagspause zu Hause ein
ahl für die Kinder zu bereiten. Allerdings kommt hier auch die Unkenntnis
arbeitender Frauen in hauswirtschaftlichen Dingen sehr in
Betracht. Vielfach fühlen sich die Frauen außerstande, in kurzer Zeit ein
Mahl zu bereiten, und so wird davon Abstand genommen und den
Kindern etwas Kaltes gegeben, falls überhaupt die Mutter nach Hause
kommt. Um den Einstut außerhäuslicher Tätigkeit der Mütter der
Zahl nach richtig zu würdigen, genügt die Tatsache, daß zurzeit
mindestens 250 000 verheiratete Frauen in Fabriken beschäftigt sind
und daß die Zahl der schulpflichtigen Kinder dieser arbeitenden Frauen
wohl nicht geringer sein dürfte. Eine namhafte Zahl, wahrscheinlich
mindestens die Hälfte der mittags kalt gespeisten Schulkinder stammt
von diesen arbeitenden Frauen. Die Erscheinung, daß abends offenbar
in immer größerer KHänfisern nur ein kalter Imbiß genommen
wird, im Winter nach unseren Erhebungen 47% der Schulkinder, im
Sommer 41%, ist überaus bedauerlich. Wird von erwachsenen Personen
auf die Dauer ein kaltes Abendmahl nicht gut vertragen, so wirkt es
für Kinder geradezu schädlich. Auch wäre es besser, wenn die alte
Gepflogenheit, den Kindern abends eine einfache Milchspeise oder sonst
ein warmes Mehlgericht zu bieten, wieder mehr Eingang fände.
Dies sind im wesentlichsten die Erhebungsresultate, auf die Allgemeinheit
der Schulkinder aller Städte ausgedehnt. Es sind eine
eihe bedrohlicher Symptome vorhanden, die noch durch die Erhebungsergebnisse
über den allgemeinen Ernährungszustand wesentlich verstärkt
werden. Für rund ½ der Kinder wurde ein leidlicher oder gar
schlechter Ernährungszustand ermittelt. Aber nach den genauen Feststellungen
der Schulärzte ist in vielen Städten mehr als die Hälfte
aller Schulkinder mit einer nur mittleren oder mit direkt schlechter
Körperbeschaffenheit zu finden. Dies wären für die Gesamtheit städtischer
Schulkinder nicht weniger als rund 300 000 Kinder mit schlechter
Konstitution, woran die Ernährungsnot die Hauptschuld tragen dürfte.
Zu diesen Ergebnissen führten im allgemeinen allerdings nicht allein
unzureichende, sondern auch unzweckmäßige Ernährung, ererbte minderwertige
Konstitution, schlechte Wohnungsverhältnisse, langes Aufbleiben
und sonstige unhygienische Gewohnheiten. Die Folgen dieser Ernährungsnot
für keine geringe Zahl von Kindern äußern sich, wie bereits oben S. 101ff.
ausgeführt wurde, im Zurückbleiben des Wachstums, ausgedrückt durch
geringeres Gewicht, kleinere Körperlänge, in verminderter geistiger Aufnahmefähigkeit.
Die weiteren Folgen sind fast noch bedeutungsvoller. Diese
in ihrer Jugend unzureichend und unzweckmäßig ernährten Kinder sind es
hauptsächlich, die, wie Stadtschularzt Gastpar in Stuttgart nachweisen
konnte, viel häufiger als normal ernährte Kinder an Rachitis, Skoliose
und Lungenleiden, tuberkulöser und nichttuberkulöser Natur, leiden,