Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

Die  Arbeiterfrage.  519

Vorsebung  verzweifelt:  Namentlich  liegt  ibm  die  Vergleichung  mit  seinem
eigenen  Arbeitgeber  nahe,  welchen  er  in  Reichthum  und  Glück  schwimmen
sieht,  und  dessen  Gewinn  ihm  doch  schliesslich  nur  aus  seiner  Arbeit  und
der  seiner  Genossen  zu  stammen  scheint;  und  wenn  dann  nicht  Dankbarkeit
  für  die  Verwendung  sondern  Bitterkeit  über  die  Ungleichheit  die
Oberhand  bekommt,  so  mag  diess  nicht  löblich  sein,  allein  menschlich  ist
es  selır  begreiflich.  Eine  solche  bittere  und  weit  verbreitete  gehässige  Gesinnung
  ist  nun  aber  nicht  nur  ein  Unglück  für  Die,  welche  sie  selbst  hegen,
indem  sie  ihnen  ihre  Lage  noch  verbittert,  sondern  auch  ziemlich  für  alle
Diejenigen,  welche  der  Gegenstand  derselben  sind.  Ueberdiess  zeigt  die
Erfahrung,  namentlich  der  jüngsten  Zeit,  wie  gefährlich  sie  auch  sein  kanr,
da  sie  die  immer  bereite  Grundlage  ist,  auf  welcher  Wühler  ihre  Hebel
ansetzen  können.  —  Sodann  ist  nicht  in  Abrede  zu  stellen,  dass  es  in  den
Arbeiterkreisen  vielfach  auch  in  andern  Beziehungen  an  sittlicher  Verwil-.
derung  nicht  fehlt.  Kann  es  doch  kaum  anders  sein.  Das  Familienleben
der  F'abrikarbeiter  ist  nur  allzu  häufig  vollständig  zerstört.  Mann,  Frau
und  grössere  Kinder  verlassen  mit  Tagesgrauen  das  Haus,  um  sich  erst
Abends  wieder  zu  sehen,  ermädet  und  geistig  abgespannt.  Zur  Erholung
bietet  aber  die  dürftige  Höhle  und  die  ärmliche,  kaum  genügende  Nahrung,
  welche  sie  bei  der  Rückkehr  erwartet,  kaum  eine  Gelegenheit.  Nur
zu  oft  ist  also  die  Schenke  der  Zufluchtsort;  diese  aber  verzehrt  dann  wieder
einen  Theil  des  Einkommens,  welcher  für  die  nothwendigsten  Bedürfnisse
der  Familie  unentbehrlich  gewesen  wäre,  so  dass  das  Leben  noch  trostloser
wird.  Die  Kinder  werden  schlecht,  eigentlich  gar  nicht,  erzogen;  auch  trägt
der  früher  bei  ihnen  eintretende  eigene  Verdienst  nicht  bei  zur  Erweckung
  und  Erhaltung  der  richtigen  kindlichen  Gesinnungen,  Die  Schilderungen
  von  der  Unwissenheit  und  dem  völligen  Mangel  an  auch  nur  den
ersten  Grundbegriffen  der  Sittenlehre  und  der  Religion,  in  welchen  die
Jugend  dieser  Klassen  aufwächst,  sind  haarsträubend.  Natürlich  zeigt  sich
diess  im  späteren  Leben.  Bei  den  Männern  ist  Missbrauch  der  geistigen
Getränke  und  was  sich  daran  knüpft  ein  sehr  häufiges  Uebel;  Tausende
von  Frauen  müssen  am  Zahlungsabend  mit  Noth  und  unter  Misshandlungen
ibren  Männern  einen  Theil  des  doch  in  seiner  Gesammtheit  kaum  zureichenden
  Lohnes  für  die  Haushaltung  entreissen.  Die  Weiber  aber,  in  der
Jugend  nicht  geschützt  durch  das  elterliche  Hans  und  durch  Lehre  und
Beispiel,  ihr  Leben  in  roher  und  vielfach  verdorbener  Gesellschaft  bei  der
Arbeit  zubringend,  zur  Befriedigung  auch  nur  der  unschuldigsten  Eitelkeit
auf  ausserordentliche  Einnahmen  angewiesen,  verfallen  nur  zu  oft  in  Lüderlichkeit
  und  selbst  in  offene  Postitution.  Wie  die  geschlechtlichen  Verbältnisse
  selbst  in  den  Familien  unter  solchen  Umständen  sind,  lässt  sich  leichter
denken,  als  schildern;  und  es  wird  das  Verderbniss  durch  die  Ueberfüllung