Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1880. (14)

I.  Die  standische  Keaktion.  391

der  Oder  eingenommen  und  Driesen,  Landsberg,  Frankfurt
und  Krossen  besetzt.  Nur  einen  Teil  der  Mark  behauptete
Schwartzenberg  unter  unbarmherziger  Aussaugung  des  erschöpften
Landes.  In  ihrer  Verzweiflung  erwogen  die  Stände,  ob  sie
sich  nicht  lieber  den  Schweden  überantworten  sollten.  Der  kur—
fürstliche  Gesandte  in  Warschau,  von  Hoverbeck,  irrte  also,
wenn  er  meinte,  im  Gegensatz  zu  Preußen  sei  in  der  Mark  der
Respekt  vor  dem  Herrscherhause  und  die  Affektion  für  des  jungen
Kurfürsten  Person  so  wohl  eingepflanzt,  daß  sie  sich  durch  den
geringsten  Diener  regieren  lasse.  Die  Armee,  obgleich  aus
Mangel  an  Mitteln  auf  6000  Manu  reduziert,  war  eine
furchtbare  Geißel  für  das  erschöpfte  Land,  außerdem  zunaächst
dem  Kaiser  verpflichtet  und  gewöhnt,  in  dem  Kriegsobersten
ihren  Gebieter  zu  sehen,  der  sie  Bürgern  und  Bauern  gegenüber
  rücksichtslos  vertrat  und  das  zu  ihrem  Unterhalt  Nötige
durch  sie  selbst  unbarmherzig  eintreiben  ließ.  Dem  ein  Ende
zu  machen,  verlangten  die  Stände  immer  lauter  eine  Aenderung
  der  Politik:  auf  dem  Wege  des  Vertrages  seien  die
Schweden  aus  dem  Lande  zu  entfernen  und  dann  die  Truppen
bie  auf  die  zur  Besatzung  der  Festungen  nötigen  Compagnien  zu
entlassen.  Ohne  dies  sei  nicht  einmal  für  den  Rest  der  Armee
der  Unterhalt  aufzubringen.

Man  hatte  in  Königsberg  wohl  keine  rechte  Kenntnis  von
den  Zuständen  in  der  Mark.  Aber  auch  wenn  er  sie  gehabt
und  eine  Aenderung  herbeiführen  gewollt  hätte  —  für  den
Augenblick  fehlten  dem  neuen  Herrn  alle  Mittel  dazu.  Denn
durch  die  Obersten,  die  mit  Ausnahme  Konrads  von  Burgsdorf
  (S.  375)  ihr  Schicksal  mit  dem  seinen  verknüpft  wußten,
war  Schwartzenberg  Herr  der  Armee  und  des  Landee.  Am
Tage  nach  des  Vaters  Tod  (2.  Dezember  1010)  schickte  Friedrich
Wilhelm  Werner  von  Schulenburg  an  Schwartzenberg  mit  dem
Befehl,  die  Statthalterschaft  weiterzufuhren  und  die  Festungen
sorgsam  zu  behüten,  und  versicherte  ihn  seiner  Gnade.  An
einen  Bruch  mit  dem  bieherigen  System  dachte  er  damals
also  noch  nicht,  sondern  acceptierte  die  durch  den  Prager  Frieden
geschaffene  Lage.  Auch  ihm  war  der  Bund  mit  Oesterreich  die
Grundlage  seiner  Stellung,  wie  er  den  Kaiser  seiner  Treue