Full text : Deutsches Wörterbuch. Erster Band A-G. (1)

1023  Gänsellein  —  ganz.

seder.  —  Gäusellein,  n.  das  Gänsegekröse.  —  Günsekrant,
  n.  Name  verschiedener  Wiesenpflanzen.  —  Gänseleber,
  k.  Leber  der  Gans,  oberdeutsch  gansleber;  dazu
gänseleberpastete,  f.  aus  Gänselebern  bereitet.  —  Hücfte
marsch,  m.  Marsch,  Gang  einzeln  hintereinander,  wie
Gänse  zu  gehen  pflegen:  im  g.  gehen.  —  Gänse-Pfeffer,
  m.  Gänsegekröse  in  Würzbrühe;  oberdeutsch  gansplener.
  —  Gänseschmalz,  n.  Schmalz  von  der  Gans.  —
Gänseschwarz,  ——  mit  dem  Blute  der  Gans
zubereitet.  —  Gänsespiel,  n.  von  mehreren  Arten  Gesellschaftsspielen,
  z.  B.  Goethe  Div.  4,  17.  —  Gänsestall,
  m.  Stall  für  Gänse.  —  Günsewein,  m.  scherzhafte
Bezeichnung  des  Wassers  als  Getränk.

Gänser  ch,  m.  männliche  Gans;  Ableitung  mit  -rich,
seit  16.  Ih.  erscheinend;  gauserich,  genserich  Henisch;
als  spottender  Eigenname:  junker  Günsrich  schaut,
bie  dame  Gäuschen  wieder  schant  Grillparzers,  164;
—  auch  Name  eines  Krautes,  meillefolim  magnum,
dies  aber  in  älterer  Form  grenserich,  ahd.  grensinc.  —
Gansert,  m.  in  gleicher  Bed.;  in  älterer  Form  ganszbart
Dief.;  daneben  ganser  ebd.;  zwei  günse  und  einen
ganser  Möser  Phant.  1,  301.

Gant,  i.  Verkauf  an  den  Meistbietenden,  Versteigerung;
  oberdeutsches,  aus  dem  Romanischen  übernommenes
  Wort,  ital.  incanto,  franz.  encan  (hervorgegangen
aus  dem  Ruf  des  Versteigerers,  lat.  in  quantum?  bis
wie  hoch,  nämlich  wird  geboten):  auf  der  gant  Wickram
Nachb.  34b;  an  die  gant  verkauft,  in  offner  gant  kaufen.
verkaufen  Henisch;  Versteigerung  bei  Zahlungsunsähigkeit,
  Konkurs:  jetzt  sei  die  gednld  aus,  jetzt  musse
er  auf  die  gant  JGotthels  Schuldenb.  21;  er  gewürtige
  jeden  tag  die  gant  Keller  Werke  8,  203.  —
ganten,  versteigern,  bei  öffentlichem  Meistgebot  oder  im
Konkurs:  ganten,  feil  ausbieten,  auf  die  gant  schlagen
Henisch.  —  Gantner,  w.  in  die  Gant,  in  Bankerott  Geratener:
  einen  könig,  der  seinem  heer  wie  ein  gantner
davongegangen  Wildenbruch  Generalseldob.  4,  8.

Ganz,  völlig,  vollkommen;  nur  hochdeutsches,  ahd.
und  mhd.  in  derselben  Form  vorhandenes  Wort,  von
dunkler  Herkunft,  zufrühest  mit  der  Bed.  gesund,  heil,
die  sich  mannigfach  erweitert.  1)  Adj.,  a)  unzerbrochen,
unverletzt:  daz  diu  sper  nibt  ganz  beliben  Iwein  7099;
wie  man  eins  töpfers  gefes  zubricht,  das  nicht  mag
wider  ganz  werden  Jer.  19,  11;  zurüek  zu  kommen
mit  ganzer  haut  Wieland  Sommerm.  1,  468;  was
seine  bosheit  an  meinem  herzen  voch  ganz  liesz,  2erreiszt
  seine  gute  Schiller  Kab.  1,7;  ganze  kleider,
schuhe;  keine  fensterscheibe  blieb  ganz;  meine  tugend
..  war  beil  und  ganz  Heyse  5,  197;  von  Menschen:
der  krüppel  ist  doch  noch  ziemlich  ganz  und  gerade
Lessing  Minna  4,  6;  der  graf  lebt  und  ist  ganz
Schiller  Fiesko  2,  11;  —  ganze  steine,  im  Gegensatz
zu  behauenen  5.  Mos.  27,  6;  ganze  farben,  ungebrochene.
b)  vollkommen,  volsständig,  ohne  Fehl  oder  Abgang:
mit  ganzer  andäht  Megenberg  117,  29;  daz  wenich
läut  lebten  mit  ganzen  sinnen  unz  in  daz  hundrist  jär
27,  21;  in  älterer  Spr.  anch  von  geschlechtlicher  Vollständigkeit:
  cin  ganz  schwein  (unverschnittenes)  Weist.
6,  45  (v.  1194);  jetzt  auf  innere  Geschlossenheit  bezogen:
cin  ganzer  mann;  jetzt  sch  ich  dasz  du  ein  ganzer
kerl  bist  Schiller  Kab.  1,  7;  es  ist  ein  ganzes  kerlchen
  Kotzebue  d.  Kleinst.  1,  5;  (unterscheiden)  den
halben  von  dem  ganzen  mann  Uhland  98;  so  auch:
ganze  maszregeln  ergreifen,  im  Gegensatz  zu  halben,
unentschiedenen;  von  ganzem  herzen  (schon  5.  Mos.  6,  5),
von  ganzer  acele,  mit  ganzer  kraft,  ganzes  vertrauen
haben,  übergreisend  in  die  solgende  Bed.  e)  vollständig,
im  Gegensatz  des  Geteilten  oder  bloß  Teilweisen;  die
häufigste  und  mannigsaltigste  Bed.:  das  ganze  land,
die  ganze  stadt,  gegend;  ganze  dörfer  giengen  zu
grunde;  ein  ganzes  brot  essen,  die  ganze  flasche  ausbtrinken;
  er  hat  das  ganze  buch  durchgelesen;  der  ganze

ganz.  1024

vorrat;  sampt  dem  gauzen  weirauch  3.  Mos.  2,  2;  empfangen
  Sie  die  buldigung  der  ganzen  republik
Schiller  3,  339;  meine  ganze  redekunst  sind  thränen
6,  213;  von  der  Zeit:  den  ganzen  tag  und  die  ganze
nacht  2.  Mos.  10,  3;  ein  ganzes  jahr  (3.  Mos.  25,  29),
alter  (1.  Mos.  5,  5),  leben;  dasz  der  adler  ganze  dreiszig
tage  brutote  Lessing  Fab.  3,6;  nach  altem  Brauche
im  Gen.:  der  sturm  werto  .  ganzer  vier  wochen  livl.
Reimchr.  8211;  sieben  ganzer  sabbath  3.  Mos.  23,  15;
ganzor  hundert  jar  Luther  üb.  das  1.  Buch  Mose  1527;
vie  er  denn  ..  ganzer  drei  monate  da  gewesen  ist
Lessing  Brief  1753;  vier  ganzer  tage,  ganzer  vier  tage
Adelung,  jetzt  wenig  mehr  gehört;  in  besonderen
Stellungen:  ganze  geschwister,  von  Vater  und  Mutter
her,  im  Gegensatz  zu  balbgeschwistern;  das  kind  ist
der  ganze  vater,  hat  Alles  von  ihm;  —  all:  an  jren
ganzen  grenzen  Matth.  2,  16;  in  Formeln:  ich  erinnere
mich  wohl,  dasz  mein  voriger  brief  weder  balb  noch
ganz  war  Lessing  Brief  1780;  die  sache  rund  und
ganz  zu  machen  Wietand  Ob.  9,  10.  d)  als  Subst.
das  ganze,  ein  ganzes,  etwas  Vollständiges,  Ungeteiltes:
wer  das  ganz  will,  der  verleurt  das  ganz  Henisch;
die  groszen  massen,  die  der  verstand  ..  als  ganze  zusammenfaszt
  Schiller  4,  297;  dasz  die  natur  kein
ganzes  kenne  301;  immer  strebe  zum  ganzen  11,  169;
wenn  sich  der  mensch  ..  gewöhnlich  für  ein  ganzes
hält  Goethe  Faust  I;  ein  hubsches  ganze  Wahlverw.
1,  1;  in  der  Rede  des  täglichen  Lebens  im  ganzen  einkaufen,
  verkaufen;  im  groszen  und  ganzen  etwas  überschlagen,
  darlegen,  u.  s.  w.;  in  der  Heerspr.:  auf  das
signal:  das  ganze,  machen  alle  truppen  balt  Feldd.
169;  —  als  Masc.  der  ganze,  nämlich  Schoppen;  einen
ganzen  trinken,  jetzt  im  Studentenmund,  aber  schon
alt:  die  andern  (Landsknechte)  trunken  halbe  und  auch
ganze  H  Sachs  Dicht.  1,  266.  e)  in  attributiver  Stellung
unflectiert,  besonders  vor  Länder=  und  Städtenamen:
über  ganz  Egyptenland  1.  Mos.  41,  43;  in  ganz  Asia
Ap.  Gesch.  19,  26;  durch  ganz  Deutschland  gieng  die
kunde;  aus  ganz  Hannover  kamen  die  leute  zusammen,
u.  s.  w.  (dasfür  im  ganzen  Arabienland  Wieland  Amad.
2,  31);  ungewöhnlich  in  älterer  Spr.  in  ganz  meines
vaters  hause  (für  in  meines  vaters  ganzem  hause)
1.  Sam.  22,  15.  2)  Adv.,  a)  völlig,  durchaus,  ohne
Fehler  oder  Zurückbleiben  eines  Teils;  gestellt  zu  Adjectiven,
  Verben,  Adverbien,  Satzteilen:  bis  man  ganz
gessen  und  getrunken  hat  Ruth  3,  3;  es  wird  die  rute
ganz  durchdringen  Jes.  30,  32;  ganz  rauch  wie  ein  fell
1.  Mos.  25,  25;  das  ist  ganz  gewisz;  er  ist  ganz  verdorben;
  er  steht  ganz  auf  eigenen  fuszen;  mit  uns
ists  ganz  aus;  es  hat  ganz  den  anschein,  als  bliebe  er
weg;  wie  bin  ich  nun  so  ganz  in  dieses  abenteuer
eingesponnen  Heyse  3,  299;  schien  so  ganz  der  mann,
der  helfen  kann  Wieland  Sommerm.  1,  527;  ein
ganz  andrer  mensch  werden;  dafür  (das  Märchen)  hat
ganz  ein  ander  gesicht  Wieland  Amad.  2,  32;  auch
seit  18.  Jh.,  wohl  nach  dem  Französischen:  ganz  geluhl,
eempfindung  sein;  ich  stehe  ganz  ohr,  ganz  auge,  ganz
entzücken,  ganz  bewunderung  Schiller  Karl.  2,  8;
in  den  Formeln  ganz  und  gar,  ganz  und  voll:  80  zefleust
  er  .  ganz  und  gar  Megenberg  308,  25;  ganz
und  gar  verlassen  P  Gerhard  122;  lhren  mund  ganz
und  gar  Heyse  4,  41;  ganz  und  voll  durchdrang  ibn
eine  unaussprechliche  empfindung  Immermann
Münchh.  4,  39;  gauz  an  bloß  verstärkende  Bed.,  —  sehr
oder  recht  rührend:  der  rangen  ist  ein  ganz  gefarliche
krankheit  der  seuen  Forer  Thierb.  1458;  das  ist  ein
ganz  groszer  schlingel,  wofür  volksmäßig  auch,  mit
Umwandlung  des  Adv.  in  ein  flectiertes  Adj.,  ein  ganzer
groszer  schlingel.  b)  ganz,  vor  Verneinungen,  in  älterer
Spr.:  können  die  gewissen  ganz  keinen  trost  haben
Luther  Br.  4,  281;  die  von  diesen  sachen  noch  ganz
nichts  wuste  Zescu  Ros.  21;  und  noch  bei  Goethe: