Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

II.  Die  konstituierende  Nationalversammlung.  267

aber  in  einer  Frage  der  nationalen  Politik  zu  dem  Frankfurter
  Parlament  in  einen  scharfen  Gegensatz  geriet.

In  Preußen  waren  viele  unzufrieden  mit  der  Art,  wie
man  in  Frankfurt  Preußen  in  Deutschland  aufgehen  lassen
wollte.  Daß  seine  Truppen  die  deutsche  Kokarde  tragen  sollten,
billigten  auch  Liberale  nicht.  Dagegen  wollte  man  in  Berlin
den  Polen  nationale  Zugeständnisse  machen;  in  Frankfurt  vertrat
  man  ihnen  gegenüber  endlich  Deutschlands  Recht.  Deshalb
  beantragte  Waldeck,  Erlasse  der  Zentralgewalt  und  des
Parlaments  über  innere  Angelegenheiten  einzelner  Länder  sollten
nicht  ohne  Zustimmung  der  preußischen  Volksvertreter  Gesetzeskraft
  haben.  Seinen  gesunden  preußischen  Partikularismus
setzte  er  gegen  Preußens  deutsches  Interesse  ein.  Aber  ehe
die  Sache  zum  Austrag  kam,  erfolgte  die  Katastrophe  der
Nationalversammlung.

Auch  sie  veranlaßte  ein  Antrag  Waldeck.  Auf  die  Kunde
von  der  Bedrängnis  Wiens  wollte  er  die  Regierung  auffordern,
zum  Schutz  der  dort  gefährdeten  Volksfreiheit  alle  dem  Staate
zu  Gebote  stehenden  Mittel  und  Kräfte  schleunigst  aufzubieten.
Man  wußte  noch  nicht,  daß  das  Schicksal  der  Kaiserstadt  sich
bereits  erfüllt  hatte,  als  am  Abend  des  31.  Oktober  der  Antrag
  zur  Beratung  kam.  Es  herrschte  fieberhafte  Erregung.
Dichte  Volksmassen  umlagerten  da'  Schauspielhaus,  wo  die
Versammlung  jetzt  tagte,  die  volksfeindlichen  Abgeordneten  an
Leib  und  Leben  bedrohend:  einige  hatten  bereits  Stricke  zur
Hand.  In  einer  Massenpetition  erhob  der  Pöbel  seine  Stimme
für  die  Wiener  Brüder.  Endlich  machte  die  Bürgerwehr  die
Eingänge  frei.  Unter  ihrem  Schutz  raffte  sich  die  Mehrheit  auf.
Der  Antrag  Waldeck  wurde  mit  229  gegen  113  Stimmen  verworfen
  zu  gunsten  eines  Antrages  Nodbertus,  der  die  betreffende
Aufforderung  an  die  Zentralgewalt  in  Frankfurt  richtete.  Zum
Blutvergießen  kam  es  nicht,  obgleich,  wie  es  hieß,  Agenten
der  Reaktion  die  Menge  zu  Gewaltthaten  zu  verlocken  suchten,

Doch  mußte  Pfuel  durch  Jacoby  und  Jung  vor  der  Volkswut