Die Session 1881. 191
Jahr 1881/82. Das Steuerbouquet aus dem Vorjahr — Reichsstempelfteuern,
Wehrsteuer, Verdoppelung der Brausteuer — war
wieder vorgelegt worden. Im Etatsentwurf waren im Verhältnis zum
Vorjahr die höheren Erträge aus den neuen Zöllen und Steuem
von 1879, welche den Einzelstaaten nach der clausula Frankenstein
in größeren Uberweisungen zu gute kamen, nahezu ausgeglichen
durch eine ebensolche Steigerung der Matrikularbeiträge.
Ich kam unter den Abgeordneten bei der Etatsberatung an
erster Stelle zum Wort und nahm sogleich auch zu den Steuervorlagen
namens der Fortschrittspartei Stellung.
Wir erklärten uns gegen jede weitere neue Steuerbelastung
und gaben unserer Bereitwilligkeit, die sogenannten Börsensteuern
in Erwägung zu ziehen, nur unter der Voraussetzung zu erkennen,
daß der Ertrag derselben Zug um Zug zur Herabsetzung anderer
Steuern, beispielsweise des Petroleumszolles, verwandt werde. Ich
wies darauf hin, daß aus den 1879 bewilligten neuen Zöllen und
Steuern, schon nach dem vorliegenden Etat eine Mehrbelastung
der Steuerzahler im Gesamtbetrage von 92 Millionen Mark stattfindet.
Hiervon erhält 42 Millionen das Reich und 50 Millionen
Mark gelangen an die Einzelstaaken. Von den 42 Millionen, welche
das Reich zurückbehält, nehmen die seit 2 Tahren erhöhren Ausgaben
für die Militär= und Marineverwaltung allein 33 Millionen in
Anspruch. — Ich schilderte die nachteiligen Wirkungen der neuen
Zölle und Steuern. Fast kein Tag vergeht, wo ich nicht von irgend
einem größeren Gewerbetreibenden, mit dem ich niemals in politischer
Beziehung gestanden habe, eine thatsächliche Auseinandersetzung
erhalte, welche im einzelnen beweist, wie sehr er in seinen
ganzen Exportverhältnissen und in seinen allgemeinen Verhältnissen
durch die neuen Zölle geschädigt wird. Wenn man eine sachgemäße
Enquete veranstalten würde, so würde sich schon heute feststellen
lassen, daß der ganze neue Zolltarif eine schwere Verirrung gewesen
ist. Deshalb sucht der Reichekanzler ebenso wie 1879 der Großindustrie,
jetzt anderen Wahlerkreisen, beispieleweise den Handwerkern alle
möglichen Dinge zu versprechen.
Ich griff in den weiteren Erörterungen über die Finanzfragen
hinaus und skizzierte die neuen Vorlagen und Projekte des Kanzlers
in ihrer Gesamtheit, die vor kurzem in Aussicht genommene lbernahme
der Armen--, Schul= und Polizeilasten in den Gemeinden
auf die Staatskasse, die in Vorbereitung begriffene Vorlage für Er.
richtung einer Reichsverficherungsanstalt gegen Unfall, die Schaffung
des Volkewirtschaftsrats, die Behandlung von Hamvburg in der Frage
der Einverleibung in den Zollverein, die sogenannte lex Tiedemann
über die Kommunalbesteuerung der Dienstwohnungen, die Vorlage
zur Verfassungsänderung behufs Einschränkung der Etatsrechte des
Reichstags.
Ich führte dann weiter aus, wie das neue Stellvertretungsgesetz
in keiner Weise eine größere Selbständigkeit der Ressortchefs heroeigeführt
hat. „Ja allerdings, der Herr Reichskanzler hat einen Vice-